Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Ein gefundenes Fressen

Das Schweizer Fernsehen hat Serdar Somuncus Beitrag aus dem Best-of-Zusammenschnitt des Arosa Humor-Festivals geschnitten und so eine neue Steilvorlage für Kritik geliefert. Dabei wäre der Inhalt interessanter.

Von Meret Michel

Serdar Somuncu

Hurra, das Karussell dreht sich wieder. Serdar Somuncu hat es diesmal angestossen, indem er in einem wütenden Post auf Facebook das Schweizer Fernsehen (SRF) der Zensur bezichtigte. SRF hatte den Beitrag des deutsch-türkischen Satirikers nicht in seinen Best-of-Zusammenschnitt des Arosa Humor-Festivals aufgenommen, obwohl Somuncu extra für den Dreh früher angereist war. Mehr noch: Im Gegensatz zu den drei anderen KünstlerInnen, deren Stand-up es ebenfalls nicht ins Programm geschafft haben, ist er nicht einmal in der Mediendatenbank zu sehen.

Sicher, Serdar Somuncus Stand-up war nicht nett: «Was die Deutschen gerne sein würden, schauen sie sich von den Schweizern ab. Gepflegt ausländerfeindlich. Ausschaffungsinitiative – Ausländer raus wäre einfacher. Die Deutschen haben ja auch keinen Christoph Arschblocher.» Doch Somuncu nicht zu bringen und ihn gar von der SRF-Website verschwinden zu lassen, zeugt von der Mutlosigkeit des Schweizer Fernsehens.

Empfindsame Schweiz

Was wehtut, davon lässt man bei SRF lieber die Finger. «Das Schweizer Fernsehen ist ein Mehrheitsmedium, und die Menschen, die dort arbeiten, haben den Auftrag, ein möglichst breites Publikum zu unterhalten», sagt Frank Baumann, Chef des Arosa Humor-Festivals. «Dass es da keine ‹Hasardeure› gibt, die Kopf und Kragen riskieren, um einen polarisierenden Künstler in eine Unterhaltungssendung zu hebeln, ist klar. Als unabhängiger künstlerischer Leiter eines Programms mit 28 Vorstellungen in 10 Tagen kann ich mir wesentlich mehr leisten als die Kollegen vom Leutschenbach, die unter Dauerbeobachtung stehen.»

Fürchtete SRF, mit der Ausstrahlung des Beitrags von Somuncu abermals von der rechten Seite der Politik angegriffen zu werden, und gab dem Druck nach? Die These liegt nahe, hatte der Sender doch bereits vor den Wahlen verschiedene Filme nicht gezeigt, weil sie angeblich zu einseitig links waren (siehe WOZ Nr. 41/2015). Hinzu kommt, dass Andreas Thiel – nicht minder Satire, nur von rechts – mit «Negerwitzen» ins Best-of-Programm aufgenommen wurde. Was soll das?

SRF lässt auf Anfrage verlauten, es handle sich um einen reinen Programmentscheid. Von hundert gedrehten Minuten würden zwei Sendungen à 35 Minuten ausgestrahlt, der Mix sei entscheidend. Zu Somuncu will man sich bei SRF nicht direkt äussern.

Vielleicht steckt in seinem Fall noch etwas anderes dahinter. Denn Somuncu griff die SchweizerInnen frontal an. «Die Sachen, die ich mache, sind kontrovers, das passt nicht jedem», sagt Somuncu. In der Schweiz verträgt man das tatsächlich schlecht. Genauso, wie man es hierzulande nicht gewohnt ist, dass jemand den Mund aufmacht und seine Meinung sagt. Bei Somuncus Soloauftritt in Arosa sei ein Drittel des Publikums aus dem Saal gelaufen. Thiels «Negerwitze» hingegen wurden mit Applaus quittiert.

Zensur! Zensur!

Als Lukas Bärfuss im Oktober in einem Essay in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» dasselbe tat wie jetzt Somuncu, nämlich ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten seine Meinung zu äussern, war die Reaktion der Schweizer Medien: Abwehr. Bärfuss wurde zerpflückt, man unterstellte ihm, er wolle sich nur profilieren. Dass es Somuncu jetzt nicht gleich ergeht, liegt nicht zuletzt daran, dass SRF den Medien die bessere Geschichte geliefert hat: Zensur beim Fernsehen! Ein gefundenes Fressen für die Schreibenden der privaten Medienhäuser, die das SRF schon beinahe reflexartig bei jeder Gelegenheit kritisieren.

Kein Blatt vor den Mund nehmen, auch wenn es wehtut, mögen viele SchweizerInnen nicht, und ebenso wenig ist es eine Stärke von Schweizer Medien. Steilpässe jedoch werden gerne aufgenommen, wenn sie so direkt zugespielt werden. Das Einzige, auf das sich die Medien in der Schweiz noch lieber stürzen als auf FundamentalkritikerInnen von aussen, ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Und ebenso wie im Fall Bärfuss löst Somuncus Statement, auch nachdem es mittlerweile viele gelesen haben dürften, keine Diskussion über dessen Inhalt aus. Warum bezeichnet ein deutsch-türkischer Satiriker die Schweizer als ausländerfeindlich? Was machen wir mit einer solchen Aussenwahrnehmung? Solche Fragen will man sich hier lieber gar nicht erst stellen. Stattdessen spinnen die Medien die Geschichte vom zensurierenden Fernsehen weiter, auch wenn inhaltlich nichts Neues dabei herauskommt.

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