Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Gott ist die Leere, um die sich alles dreht

Kegel statt Vögel: In zwei neuen Büchern treibt der US-amerikanische Zeichner Anders Nilsen seine existenzialistische Befragung des Daseins weiter – eine Welt des Zweifels in Skizzen und Schattenrissen.

Von Florian Keller

Die Gedanken der Kegelchen: Gerne beschäftigt sich Anders Nilsen mit Binsenweisheiten und Gott, manchmal auch gleich mit beiden zusammen. Bild: Aus «Poetry Is Useless»

Der Mann mit den Vögeln ist wieder da, aber das Gezwitscher hat jetzt ein Ende. Das letzte grosse Buch des US-amerikanischen Zeichners Anders Nilsen war ein Wunderding von 600 Seiten, und es war bevölkert von unverwechselbar austauschbaren Individuen, die sich den grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz stellten: Wo gibts was zu fressen? Wann kommt die Moral? Und was zum Teufel hat das, was wir hier treiben, überhaupt zu bedeuten?

«Grosse Fragen» (2013) hiess das Buch, es war eine epische Etüde über die Vergeblichkeit menschlichen Strebens – bloss dass die Geschöpfe, die hier unser ganzes verdammtes Dasein auf irgendeinen verborgenen Sinn abklopften, eben gar keine Menschen waren, sondern eine Kolonie philosophierender Finken.

Getränkt in schwarze Tinte

Ein Schnabel, zwei Punkte als Augen: Mit ihren leeren Gesichtern waren diese menschlichen, allzu menschlichen Vögelchen eigentlich schon ausdruckslos genug, wie sie mal hilflos, mal abgeklärt eine Welt kommentierten, die sie nur so halbwegs durchschauten. Aber in seinen zwei neusten Büchern hat Nilsen das mimische Repertoire seiner Figuren jetzt noch weiter reduziert. Umso verschwenderischer geht er mit seiner Lieblingsfarbe um: Seine Welt ist getränkt in schwarze Tinte. Zumindest in «Der Zorn des Poseidon» ist das so, wo Nilsen einige Sagen aus der griechischen Antike und aus der Bibel neu erzählt, jeweils verdichtet zu einer Reihe von ganzseitigen Silhouettenbildern. Jeder Mythos wird zu einer Abfolge ikonischer Schattenrisse: Im Zusammenspiel mit den ausführlichen Bildunterschriften fügt sich das zu einer Meditation über Glaube und Religion.

Weniger prächtig und dennoch reichhaltiger ist das andere neue Buch von Anders Nilsen (das bislang aber erst auf Englisch erschienen ist). Es heisst «Poetry Is Useless» und versammelt Skizzen, erzählerische Fragmente und elaborierte Kritzeleien aus den vergangenen sieben Jahren. Blättert man sich durch die sorgfältig aufbereiteten Faksimileseiten, merkt man sofort: Den vermeintlich naiven Existenzialismus aus «Grosse Fragen» schreibt Nilsen auch in diesen – oft sehr aufgeräumten – Sudelheften fort. Sinnierende Vögel findet man hier keine, dafür figürliche Darstellungen, die die Nichtigkeit der menschlichen Existenz noch weiter auf die Spitze treiben: Wir treffen auf reihenweise gesichtslose, meist schwarze Kegel, die in Sprechblasen ihre erhellenden, abwegigen oder auch nur umständlichen Gedanken absondern.

Manche dieser Kegelmännchen referieren über die Nutzlosigkeit von Poesie, andere erörtern gefährliche Substanzen in Nahrungsmitteln, wieder andere reden daher wie spirituelle Trainer bei einer Meditationsübung. Das wirkt manchmal geschwätzig, aber immer wieder gelingen Nilsen dabei grossartige Miniaturen, mit einem Nichts an zeichnerischen Mitteln. Da genügt so ein schlichter schwarzer Kegel mit zwei Sprechblasen für eine aphoristische Sprengkapsel, die lange nachhallt im Kopf: «Selbstmord wird überschätzt», bemerkt eines dieser Kegelmännchen. «Shoppen ist mir lieber.» Zwei kurze Sätze nur, die eine ganze Psychopathologie der Konsumgesellschaft aufreissen.

Aber Nilsen ist nicht nur ein grosser Lakoniker vor dem Herrn, an den er nicht glaubt. Eingestreut zwischen den minimalistischen Vignetten seiner Kegelmännchen, finden sich immer wieder haarfeine, realistische Skizzen: Porträts von Bekannten, Stilstudien von unterwegs, gezeichnete Tagebucheinträge eines Autors auf Reisen. Eine Episode handelt von einem Mann namens Anders Nilsen, der nur deshalb zu einer Buchpräsentation erscheint, weil er wissen will, was das für ein Zeichner ist, der genau gleich heisst wie er. In einer anderen hält Nilsen fest, wie er einer Sitznachbarin im Flugzeug versucht, seine existenzialistische Vogelparabel näherzubringen. Doch dann geht draussen die Sonne auf, und mit Blick aus dem Flugzeugfenster erklärt die Frau, dieses Morgenrot sei so schön, das könne doch nur das Werk Gottes sein.

Justin Bieber und andere Zombies

Wenn Anders Nilsen mit dem Zeichenstift seinerseits in die Schöpfung pfuscht, entstehen detailversessene Gebilde, rätselhaft schön oder unheimlich, oft auch beides zugleich. Seltsame halb organische Maschinen mit dem Kopf eines Schakals und eingebauten Haltern für Trinkbecher, entworfen für keinen ersichtlichen Zweck. Oder fantastische wurzelähnliche Wucherungen, die mit irgendwelchen Technologieresten verschmolzen sind. Und manchmal ist da auch einfach eine schöne, von Würmern zerfressene Leiche, die uns aus dem Buch entgegenlacht.

Und als wäre «Poetry Is Useless» eine wissenschaftliche Abhandlung, folgt im Anhang dieses Skizzenbuchs ein ausführliches Sach- und Namensregister: von Alzheimer über Justin Bieber und die Brennbarkeit von Haaren und Häusern bis hin zu Slavoj Zizek und Zombies. Noch aufschlussreicher ist dabei die angehängte kleine Statistik zur Häufigkeit der besprochenen Themen: Auf die meisten Nennungen kommen «Gott» und «Binsenweisheiten». Wen wunderts: Gott ist die Vakanz, um die sich fast alles bei Nilsen dreht, und Binsenweisheiten sind bei ihm in erster Linie dazu da, verdreht und ad absurdum geführt zu werden.

Das gilt auch für die Feststellung, die wie ein Mantra künstlerischen Selbstzweifels durch dieses Buch geistert: dass Poesie eben nutzlos sei. Das lässt sich zwar nicht bestreiten. Aber Poesie, die sich nützlich machen will, taugt bekanntlich erst recht nichts.

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