Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Mit dem Offroader direkt in die Wand

Von Bettina Dyttrich

Das Benzin ist billig, sparen lohnt sich nicht, und die SchweizerInnen kaufen Offroader wie noch nie: Im November hatten fast 45 Prozent der neu zugelassenen Autos Allradantrieb.

Der Stadtpräsident von St. Gallen, Thomas Scheitlin, wirbt für eine dritte Röhre der St. Galler Stadtautobahn und den geplanten neuen Autobahnanschluss mitten in der Innenstadt: «St. Gallen muss erreichbar sein. Und zwar auf Schienen und Strassen.»

Und die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) wollen keine neuen Solaranlagen mehr bauen – der Strompreis sei zu tief. Der Tösstaler Heinz Zaugg, der den EKZ das Dach seiner Tennishalle zur Verfügung stellen wollte, ist enttäuscht.

Das sind drei zufällig herausgepickte Zeitungsberichte aus den Wochen nach der Pariser Klimakonferenz. Dort hat sich die Schweiz ambitioniert gegeben. Die Schweizer Realität sieht anders aus: Mit dem Offroader direkt in die Wand.

Laut dem neuen Klimaabkommen muss der Treibhausgasausstoss in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts netto auf null sinken – wir dürfen noch etwas Holz verbrennen, der ganze Rest der Energieversorgung darf kein Kohlendioxid mehr verursachen. Dieses Abkommen ernst zu nehmen, kann nur heissen: kein Bau von Infrastrukturen mehr, die das Klima schädigen – weder Strassen noch Industrie noch Flughäfen. Mit dem «Kompensieren» der eigenen Emissionen in armen Ländern ist es bei Netto-null-Emissionen auch vorbei.

Beharrlichkeit auf allen Ebenen ist angesagt: Der absurde St. Galler Autobahnanschluss lässt sich (dank einer Initiative der SP) am 28. Februar verhindern, genauso wie die zweite Gotthardröhre. Und um die vierzig Prozent Atomstrom endlich durch Solarenergie zu ersetzen, sollten die SchweizerInnen dem deutschen Vorbild folgen und dezentrale Energiegenossenschaften gründen, die keinen Profit machen müssen.

Aber natürlich genügt das nicht. Die Wirtschaft ist süchtig nach Wachstum und damit nach Erdöl. Wie sich das ändern liesse – und wie die Politik auf eine deregulierte Ökonomie überhaupt noch Einfluss nehmen kann –, darüber wurde in Paris nicht gesprochen.

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