Nr. 02/2016 vom 14.01.2016

«Ich sehe alles, verstehe alles und begreife alles»

In ihrem neuen Roman «Ich bin am Leben» schafft die haitianische Schriftstellerin Kettly Mars eine poetische Miniatur über eine Familie, die sich ihren Abgründen aus der Zeit der Diktatur stellt.

Von Margrit Klingler-Clavijo

Ein ebenso elegantes wie chaotisches Stimmengewirr: «Ich bin am Leben» von Kettly Mars. Foto: Georges Seguin

Ein Anruf und die Aufforderung, den schizophrenen Alexandre Bernier aus der Anstalt zu nehmen, in die er vor über vierzig Jahren eingewiesen wurde: In Anbetracht der Cholera sei die Gesundheit der Insassen nicht mehr zu gewährleisten, Alexandre müsse binnen 48 Stunden abgeholt werden. So beginnt «Ich bin am Leben», der siebte Roman der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars, für den sie im November 2015 in Abidjan mit dem Prix Ivoire ausgezeichnet wurde.

Der Roman spielt in Fleur-de-Chêne, einer Oase des Wohlstands, die seit Generationen der Familie Bernier gehört. Das lärmende und chaotische Port-au-Prince, das am 12. Januar 2010 von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert wurde, wirkt auf diesem Anwesen wie eine ferne Welt, die nur das Dienstpersonal aus eigener Erfahrung kennt.

Kettly Mars gehört mit Yanick Lahens, Emmelie Prophète und Evelyne Trouillot zu den weiblichen Stimmen der haitianischen Literatur, die sich intensiv mit der Naturkatastrophe und ihren Folgen auseinandersetzte. Einfühlsam beschrieb sie in dem 2013 auf Deutsch erschienenen Roman «Vor dem Verdursten» den Überlebenskampf in den eilends errichteten Zeltlagern, die materielle Not und die sexuellen Übergriffe hoch dotierter Helfer.

Dekonstruktion einer Familiensaga

Im Roman «Ich bin am Leben» kommt Kettly Mars erneut auf das grosse Thema ihrer Generation zurück: die Diktatur von «Papa Doc» François Duvalier, der 1957 an die Macht kam und ihre Kindheit und Jugend – sie wurde 1958 in Port-au-Prince geboren – überschattete. Beklemmende Innenansichten dieser Diktatur bot schon ihr 2010 erschienener Roman «Wilde Zeiten», der mit dem Prinz-Klaus-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde. Darin erlebt Nirvah Leroy, die Protagonistin des Romans, hautnah, wie Sexualität zur Erniedrigung und Unterwerfung von Frauen eingesetzt wird. Intimität und Sexualität bilden den Bezugspunkt, von dem aus Kettly Mars ihre Figuren ausgestaltet.

«Ich bin am Leben» wiederum liest sich wie die Dekonstruktion einer patriarchalen Familiensaga, eine herausfordernde Reflexion über gesellschaftliche Normen und deren subtile oder offenkundige Überschreitung. Die Geschichte der Familie Bernier wird abwechselnd von den Familienmitgliedern, dem Dienstpersonal und Norah, der jungen Geliebten von Marylène Bernier, erzählt. Mit grossem erzählerischem Geschick und sprachlicher Eleganz verdichtet Kettly Mars die einzelnen Stimmen zu einem chaotischen Stimmengewirr, einer Mischung aus poetischer Miniatur und konzisem Erzählfragment. Alle Romanfiguren reden zunächst zwanghaft über den schizophrenen Alexandre, das familiäre Beziehungsgeflecht vor seiner Einweisung, Kindheitserlebnisse und seine überraschende Heimkehr.

Tagsüber sitzt der schweigsame Alexandre in einem Korbsessel vor dem Gartenhäuschen, das man in Fleur-de-Chêne für ihn hergerichtet hat. «Ich bin schizophren und höre Stimmen in meinem Körper sprechen. Das nimmt mich genügend in Anspruch. Früher wurden die Stimmen in meinem Körper wütend, verstanden einander nicht mehr und trübten meinen Blick. Jetzt sprechen sie ganz leise mit mir, damit es die anderen nicht mitbekommen. Sie sagen mir alles, was um mich herum geschieht. Ich sehe alles, verstehe alles und begreife alles. Ich habe in der Anstalt gelebt, und ihre vier Wände haben mich angesehen wie Augen. Ich bin dringeblieben. In meinen anderen Ichs. Mit den anderen habe ich nicht gesprochen, so bin ich nun mal.»

Fragen über Fragen

Alexandres Heimkehr wird für seine 86-jährige Mutter Eliane und seine erwachsenen Geschwister Grégoire, Gabriele und Marylène zur grossen Bewährungsprobe. Endlich muss sich die Familie der Vergangenheit stellen, dem sorgsam Verdrängten und Verschwiegenen, das jede Menge Fragen aufwirft. War Alexandres Einweisung in die Anstalt tatsächlich unumgänglich oder nur eine kluge Präventivmassnahme seines verstorbenen Vaters, um den über alles vergötterten Stammhalter vor den Kerkern des Duvalier-Regimes zu bewahren? Hatte der heranwachsende Alexandre eine sexuelle Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Gabrielle, oder waren das nur die Befürchtungen einer allzu besorgten Mutter, an der sich in jungen Jahren ein Grossonkel vergangen hatte?

Brauchte Marylène, die in Belgien zur Malerei fand, die Distanz zu ihrer patriarchalen Familie, in der sie der Vater ignorierte? Und ist es ein Zufall, dass sie kurz vor Alexandre nach Fleur-de-Chêne zurückkehrte und dass sie beide sich am radikalsten von den familiären Wertvorstellungen entfernten – Alexandre über den Rückzug in seine Innenwelt, Marylène über die Malerei und die Liebe zur jungen Norah, die nach Leben giert und ihre Reize vermarktet?

Der Titel von «Ich bin am Leben» ist der erste Satz, den Alexandre nach seiner Heimkehr spricht. Er zelebriert damit die Schönheit und Fragilität des Lebens und markiert den Aufbruch in eine Gesellschaft, die die langen Schatten der Duvalier-Diktatur hinter sich lässt.

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