Linke Ethik (Teil I): «Als einzige Möglichkeit bleibt die unablässige Suche nach einem neuen vorläufigen Gleichgewicht von Gewissheit und Zweifel, von Wahrheit und Widerspruch.»

Nr. 6 –

Der Mensch ist nicht bloss Homo oeconomicus oder Animal politique. Wir – auch wir Linken, Ungläubigen, SkeptikerInnen – sind zudem moralische Wesen, die unablässig zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch entscheiden müssen. Wie machen wir das eigentlich?

Wie machen wir uns ein Gewissen? Die Gretchenfrage nach den eigenen Wertmassstäben will niemand in meinem Umfeld spontan beantworten. Die einen denken gleich an intolerante Sittenlehre und ein rigides Elternhaus. Andere setzen Moral mit Religion gleich, und von Letzterer haben sie sich längst abgewendet. Wieder andere verachten die Ethik als wohlfeiles Deckmäntelchen für Unternehmen und allerlei Organisationen. Doch hier geht es nicht um das heimliche Lesen unter der Bettdecke, um irgendwelche verschrobenen Keuschheitsgelübde oder gar um die Ethikkommission der Fifa.

Ich verstehe unter linker Ethik und Moral – zwei Begriffe, die ich weitgehend synonym verwende – eine Lebenshaltung. Es ist eine Grundeinstellung zu sich selber, zu den andern und zur Welt, in der verschiedene Kulturen, Generationen, Gender und Klassen Platz haben. Und die doch entschieden Partei ergreift für die Schwächeren, die Benachteiligten, die Minderheiten. Bei dieser weiten inhaltlichen Definition linker Werte, einer grosszügigen Auslegung der humanistischen Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichberechtigung, Mitmenschlichkeit – lasse ich es vorerst bewenden. Mich interessiert, wie wir Linken überhaupt zu unseren ethischen Massstäben kommen und woran wir Freigeister uns heute orientieren, wenn wir in dem Wust angebotener Informationen und Interpretationen bestimmen wollen, was das Gute im Leben ist und wie wir diesem Guten persönlich und politisch Raum und Einfluss geben können.

Eine feste Ordnung

Meine eigene Kindheit im kleinbürgerlichen Milieu der fünfziger Jahren lieferte vorerst klare moralische Vorgaben: Der Mann verdient das Geld. Die Mutter steht am Herd. Die Kinder schweigen am Tisch, während Radio Beromünster die Welt erklärt. Eine Welt, bestehend aus der Schweiz und dem christlichen Abendland. Aussereuropäische Menschen und Sitten kamen bloss in den exotischen «Kulturfilmen» vor, die das Dorfkino einmal im Monat zeigte – Zutritt erst ab achtzehn Jahren wegen der nackten Brüste der «Eingeborenen». Kurz, die Wertewelt war noch in Ordnung, in einer festen Ordnung. Und doch plagten wir vorwitzigen Kinder die missionarisch gesinnten Sonntagsschullehrerinnen bereits im zarten Vorschulalter mit Fragen, die man im Nachhinein als ethische Reflexion deuten könnte: «Wie wissen wir, dass unser Gott der einzig richtige ist?» oder «Was, wenn die Menschen aus Afrika in die Schweiz kämen und uns ihre Götter aufzwingen wollten?» Der Samen des Skeptizismus war gesät.

Und das war zugleich der Keim des zunächst zarten Pflänzchens einer eigenständigen, individuellen Lebenshaltung. Mit Blick auf die Menschheitsgeschichte darf man annehmen, dass diese Möglichkeit, sich ein Gewissen zu machen, in jeder und jedem von uns angelegt ist. Doch wann und wo der Prozess in Gang kommt und wie er verläuft, hängt von den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen ab.

Bei mir zum Beispiel waren es die kleinen  Verwerfungen und Ungereimtheiten in einem monokulturellen Weltbild, die zu Fragen und Widerspruch anregten. Meine Mutter erfüllte zwar als nichtberufstätige Hausfrau mit zwei Kindern die gängige Geschlechterrolle ihrer Zeit. Doch sie war eine sehr urbane Frau und rieb sich an den Sitten und Gebräuchen des engen Bergtals, in dem wir wohnten. Oder: Unsere Familie war konfessionell gemischt, und sowohl die reformierten wie die katholischen Onkel und Tanten waren so ganz anders und viel sympathischer als die allgegenwärtigen religiösen Feindbilder. Und schliesslich lebte ich in einem Dorf, das einerseits abgeschieden noch fast im 19. Jahrhundert verharrte, andererseits beherbergten die meisten DorfbewohnerInnen den ganzen Sommer lang TouristInnen aus England und dem übrigen Europa. Durch die Fremden kam ein Stück Weltgeschichte in die guten Stuben. Doch als ich unsern deutschen Feriengast mit dem kriegsamputierten Arm neugierig fragte, ob er für Hitler gekämpft habe, bekam ich eins aufs Maul.

Es lohnt sich in jedem Fall, ein wenig in der eigenen Biografie zu graben, um besser zu verstehen, wieso man heute so denkt und urteilt und nicht anders. Während es für Linke aus meiner Generation wohl oft die Brüche und Risse in der festen Ordnung waren, die uns zur Suche nach einer eigenständigen Grundhaltung antrieben, ist es für unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht eher – oder zumindest ebenso sehr – die  Suche nach Halt, nach festen Werten, nach einer verbindlichen Moral. Zwischen diesen beiden Polen, Freiheit und Sicherheit, bewegt sich ja nicht bloss die grosse Politik, mit dieser Spannung müssen wir auch auf individueller Ebene, beim Erwachsenwerden, zurechtkommen.

Wie sich orientieren in einer Welt, die mit jedem Lebensjahr grösser und – es handelt sich um die sechziger Jahre – turbulenter wird? Meine Teenagertagebücher waren voller melodramatischer Selbstzweifel. Ich notierte Sätze wie «Was tun, wenn wir den Strohhalm, an den wir uns klammern wollen, erst noch selber pflanzen müssen?».

Der Preis der Mündigkeit

«Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.» So lakonisch definierte der  Philosoph Immanuel Kant bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert unsere moralische Selbstverantwortung. Und er benannte auch gleich die grössten Feinde unserer Mündigkeit, nämlich Faulheit und Feigheit. Es braucht tatsächlich Mut und Engagement, um die immer wiederkehrende Ungewissheit, den Zweifel und das Zurückgeworfenwerden auf die eigene unvollkommene Person auszuhalten. Es ist der hohe Preis – Preis in der Bedeutung von Kosten und Gewinn – für die Emanzipierung der eigenen Person, die der Emanzipierung von anderen vorausgehen muss.

Da ich auf meine eigenen Sonntagsschulfragen immer noch keine befriedigenden Antworten hatte, wurde ich Studentin der Philosophie. Und auch wenn es in den siebziger Jahren in akademischen Kreisen ziemlich verpönt war, aus den abstrakten philosophischen Theorien eine alltagstaugliche Weltanschauung zu gewinnen, versuchte ich genau das. Ich las Erkenntnistheorie, Phänomenologie, Begriffsgeschichte, Logik und natürlich die Ethik selbst stets mit Blick auf die Realität, auf meine Realität: Wie, mit welchen Denkansätzen kann ich die Welt um mich herum besser verstehen lernen, an der ich praktisch teilhabe? Natürlich begegnete mir in den siebziger Jahre auch das geflügelte Wort von Karl Marx: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.» Doch mir als angehender Journalistin schien der Gegensatz künstlich, die unterschiedliche Interpretation ist doch unabdingbarer Bestandteil, ist Voraussetzung und auch Folge jeder Veränderung.

Für mich jedenfalls war die Philosophie, das Nachdenken über mein Verhältnis zur Welt, kein politischer Umweg, sondern Teil meines linken Engagements. Auf keinen Fall wollte ich die neu entdeckten 1968er-Werte – Sozialismus, Kommunismus, Feminismus, Anarchie, freie Liebe – in den Stand von neuen absoluten Werten beziehungsweise von Göttern erheben. Politik verstand ich nicht als romantische Ersatzreligion, sondern als einen tendenziell langwierigen Prozess, in dem die Beteiligten in wechselnden Bündnissen demokratisch Kompromisse suchen und Regeln (vorläufig) festlegen. Das tönt langweilig? Ach was, repetitiv waren doch vor allem die linken Grabenkämpfe der siebziger Jahre, wo sich jedes Grüppchen im Alleinbesitz der absoluten Wahrheit wähnte. Und destruktiv war die linke Politik dort, wo sie nicht als lebendige Auseinandersetzung, sondern als verbissener Glaubenskrieg geführt wurde. Das demonstrierte die Rote-Armee-Fraktion (RAF) 1977 im Deutschen Herbst. Die nachfolgende Diskussion um die Legitimität von Gewalt konnte ich nie bloss strategisch-abstrakt führen. Mein vermeintlich «unpolitisches» Gewissen sagte mir, dass der Zweck nie alle Mittel heiligt, in diesem Fall weder die Gewalt der RAF noch die des Staates.

Unsere linke Politik und die Gegenkultur, so mein eigener ethisch-moralischer Anspruch, sollten nicht nur andere Werte vertreten; sie sollten diese auch anders, offener und selbstkritischer verfechten als die autoritären Vorfahren und Gegnerinnen. Solch gelebte Offenheit und neugierige Toleranz gab es nach 1968 in vielen Wohngemeinschaften, in basisdemokratischen politischen Projekten, in kulturellen Happenings und auch in persönlichen Beziehungen.

Bergsport war verdächtig

Doch immer war auch die Gefahr neuer einengender Normen gegeben. Manches wirkt heute bloss noch lächerlich: In gewissen linksintellektuellen Kreisen durfte man sich zum Beispiel nach der Skitour kaum mit gebräuntem Gesicht zeigen, denn Sport, besonders Bergsport, war faschismusverdächtig. Und mein Violinspiel hängte ich auch nicht an die grosse Glocke, klassische Musik galt als rettungslos bourgeois. Doch neben solch eher harmlosem subkulturellem Schrebergärtchentum gab es auch existenziell einschneidende alternative Direktiven. Viele Frauen und Männern überforderten sich selber und die anderen damals mit dem Ideal der «freien Liebe». Besitzdenken und Eifersucht waren die neuen Tabus – als ob solche uralten menschlichen Gefühle sich einfach so wegpolitisieren liessen! Und in der neuen Frauenbewegung galten eine Zeit lang Lesben als die einzig wahren  oder zumindest besseren Feministinnen. Der  Slogan «Das Private ist politisch» wurde ethisch gesehen in eine falsche Richtung gelenkt. Statt dass wir Linken und Feministinnen uns darauf beschränkten, gute und gerechte gesellschaftliche Rahmenbedingungen nicht nur für Politik und Wirtschaft, sondern auch für den sogenannten Privatbereich zu fordern, gingen wir dazu über, das Private selbst, ja noch das Intimste einer neuen normativen Moralität zu unterwerfen.  Die geistige Enge der fünfziger Jahre war überwunden, nun bestimmte die flockige Weite der revolutionären Ideen, wer ein wahrer Linker und wer eine echte Feministin sei.

Wir und die andern

Ich weiss nicht genau, wieso ich mich selber weder von der Geringschätzung meiner KollegInnen noch von den gesellschaftlichen Hindernissen davon abbringen liess, als linke engagierte Journalistin eine grosse Familie zu gründen. Diesen für mich persönlich wichtigsten «Verstoss» gegen die in meinem Umfeld geltende Vorstellung vom richtigen Leben erleichterten vor allem drei Faktoren, die auch in der allgemeinen Ethikdiskussion wichtig sind: Intuition, Prinzipien und Erfahrung: Erstens war da ein starker persönlicher Kinderwunsch, den ich als zu meinem Leben gehörend akzeptierte. Zweitens machte mir mein Studium politischer sozialer Utopien klar, wie gefährlich es ist, wenn eine einzige Instanz, eine dominierende Ideologie das ganze Leben – und insbesondere das Private – widerspruchsfrei regeln und zu einer «schönen neuen Welt» umgestalten will.

Drittens bremste vermutlich auch die starrsinnige und von der Gemeinschaft abhängige Berglerin in mir den rasanten urbanen Wertewandel hin zum Singledasein. Es war gut, aus den alten starren Gesellschaftsformen auszubrechen, die so viele Menschen eingeengt hatte. Doch beim Aufbruch zur Sonne, zur Freiheit, lohnt sich doch auch der Blick nach hinten. Was bleibt  zurück? Was geht verloren? Was wollen wir uns  bewahren oder neu erschaffen? Wenn wir die Fesseln der biologischen Verwandtschaft lösen, braucht es dann nicht eine Wahlverwandtschaft mit vergleichbaren Verbindlichkeiten, einer  vergleichbaren Loyalität? Wie können wir verhindern, dass wir befreit aus sozialen Zwängen bloss zu vogelfreien Monaden der neoliberalen Marktwirtschaft werden?

Als Altachtundsechzigerin kann und will ich meinem Nachwuchs heute keine festen Benimmregeln mitgeben, wie das meine Eltern bei mir noch taten. Meine Kinder und Grosskinder müssen ihren beruflichen Lebensweg, ihre politische Orientierung und ihre Beziehungsformen eigenständiger finden. Doch ein paar moralische Grundwerte habe ich ihnen schon mit grossem Nachdruck einzuprägen versucht. Zuallererst dies: dass Menschen keine Handelsware sind und auch keine politischen Schachfiguren.

Wie die gesellschaftlichen Systeme Wirtschaft und Politik kann auch die angewandte Ethik durch zu viel Macht korrumpiert werden. Die VerfechterInnen des Guten gebärden sich dann unangenehm arrogant und selbstgerecht. Oder aber die Moral weicht aus in die Beliebigkeit, anything goes, was faktisch eine Stärkung des Status quo bedeutet. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch wir WOZ-MacherInnen und -MitarbeiterInnen: Wer in der journalistischen Berichterstattung linke Positionen und Werte als gegeben, ja überlegen betrachtet, verliert an Glaubwürdigkeit und predigt zu den Bekehrten. Wer jedoch linke Positionen und Werte aus dem Blick verliert und sich in modische Ironie und Unverbindlichkeit flüchtet, verrät die eigene ethische Basis. Als einzige Möglichkeit bleibt die unablässige Suche nach einem neuen vorläufigen Gleichgewicht von Gewissheit und Zweifel, von Wahrheit und Widerspruch.

Das eigene Gewissen, die personale Gestalt von Ethik oder Moral, ist auch bei der journalistischen Bestimmung des guten Lebens ein wichtiger Faktor. Doch beim Zeitungsmachen zeigt  sich beispielhaft, dass ethisches Denken immer auch auf die andern angewiesen ist, auf Diskussion, Widerspruch, Erneuerung. Besonders PhilosophInnen der neueren Zeit haben darüber nachgedacht, wie man die normative Ethik durch  demokratischere, dynamischere, zeitgemässere Formen ablösen oder ergänzen könnte. Über die philosophische Fachgemeinde hinaus bekannt geworden sind etwa die Begriffe des «herrschaftsfreien Diskurses» von Jürgen Habermas oder das «reflexive Überlegungsgleichgewicht (reflective equilibrium)» von John Rawls.

Gegenüber radikalen Dekonstruktionsversuchen verteidigt unter anderem die US-amerikanische Philosophin Judith Butler die Möglichkeit personaler Ethik. Doch sie betont die Vorläufigkeit, Beschränktheit und gesellschaftliche Bedingtheit jedes «self-crafting», jeder Gestaltung des Selbst. In ihrer Rede zur Verleihung des Adorno-Preises 2012 sagte sie: «Indem wir uns eingestehen, dass wir einander brauchen, bekennen wir uns zugleich zu grundlegenden Prinzipien der sozialen und demokratischen Bedingungen dessen, was wir als ‹das gute Leben› bezeichnen könnten.» Man müsse nicht souverän sein, um moralisch zu handeln, schreibt Butler im Vorwort zu ihrem Buch «Kritik der ethischen Gewalt» (2003), vielmehr müsse man seine Souveränität einbüssen, um menschlich zu werden. Wir bleiben der moralischen Selbstverantwortung ausgesetzt, auch wenn wir uns selber nie ganz kennen oder bestimmen können. Doch wir teilen die Last der Mündigkeit mit andern. Das eigene Gewissen entsteht, lebt und geht auf im gewissenhaften mitfühlenden Gegenüber.

… dann kommt die Moral

«Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», grölt der Räuberhauptmann in der «Dreigroschenoper» des marxistischen Dramatikers Bertolt Brecht. Einverstanden, sagen wir als Linke, zuerst die Basis, dann der Überbau. Doch diese Sorge um die Erfüllung der materiellen Grundbedürfnisse ist selbst bereits Ausdruck einer bestimmten ethischen Haltung.

In einer Reihe von Essays, Interviews und Reportagen untersucht WOZ-Autorin Lotta Suter, wo und wie in der Politik, Wirtschaft und Kultur der säkularisierten Schweiz moralische und ethische Entscheide getroffen werden.