Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Raffinierte Erlebnisgedichte

Ohne Satzzeichen: Die Gedichte des Autors Jochen Kelter lullen einen ein, ergeben verschiedene Sinneinheiten und sind stets politisch.

Von Felix Schneider

«Die Verhältnisse gelesen / ein paar Verse geschrieben / in den Rauch der Felder im Herbst».

Jochen Kelter schreibt im Herbst des Lebens. Viele seiner Gedichte beklagen das Alter, die physischen Defizite, das Alleinsein. Sie sind melancholische Rückblicke auf Freund- und Liebschaften, die vergangen sind wie Rauch. «das Leben nicht verstanden / die Frauen nicht erkannt». Gelegentlich aber belebt ein schöner Trotz die düstere Stimmung. Trotz gegen das Alter, Trotz gegen die Welt: «das Schicksal führen» – und «die Macht derer [brechen], die das Sagen haben»!

Kelter ist mit grosser Selbstverständlichkeit ein politisch denkender und empfindender Mensch. Politik ist ihm allerdings nicht das, was die Politiker tun. Ihn beschäftigt, was in der Gesellschaft geschieht und was in der Geschichte geschehen ist. Auf einer Spanienreise erinnert er sich an den spanischen Bürgerkrieg und an den Dichter Miguel Hernández, Sohn eines Ziegenhirten, gestorben in einer Besserungsanstalt von General Franco. Die Mezquita von Córdoba gibt ihm Anlass, die Missetaten der christlichen Herrscher gegen die MuslimInnen zu erwähnen. Wenn in Paris die Rumänen den Metrogästen aufspielen und deutsche «Mannen» nach Pigalle marschieren, setzt er Zerstreuung und Mord, Pigalle und Auschwitz zueinander in Beziehung.

Mit Berufsverbot bestraft

Kelter gehört zu der Generation von Intellektuellen, die lebenslang von der Rebellion der sechziger Jahre geprägt waren. In den siebziger Jahren bezahlte er als Dozent im universitären Sprachenlehrinstitut seine Neigungen zum libertären Sozialismus mit einem Berufsverbot. Später engagierte er sich neben dem Schreiben in Berufen, die materielle und politische Interessen der Schreibenden zu wahren suchen: Er arbeitete in diversen Schriftstellerverbänden, bei Pro Litteris oder für den Schriftstellerverband PEN. Die heutige Zeit empfindet er als kalten Winter. Überhaupt sind ihm die Jahreszeiten Metaphern für gesellschaftliche Zustände. Der Winter steht für die Kälte neoliberaler Rücksichtslosigkeit, für Erstarrung und Terror. Der Sommer für Solidarität und Menschlichkeit. Der Frühling für revolutionären Aufbruch. Erlebt werden die Jahreszeiten vor allem in seiner Landschaft: in der Bodenseeregion und in Paris.

Hier ist er zu Hause, von hier aus unternimmt er Reisen, die er mit Notizen in Form von Gedichten dokumentiert, darunter das packende Titelgedicht «Die Möwen von Sultanahmet», das sich in einer einzigen grossen Bewegung in die Höhe schraubt, vom Strassenlärm in Istanbul über geschichtliche Erinnerungen an Sultane, über die Erwähnung der grossen Moscheen der Stadt, über eine Koransure in den Himmel, zu den Möwen, zu Ihm, «seinem Namen». Hier erfasst Kelter den Zauber, den auch SkeptikerInnen angesichts der grossen Moscheen empfinden, einen Zauber, den wir normalerweise, etwas hilflos, «Schönheit» nennen.

Verblüffend und treffend

Kelter schreibt, durchaus traditionell, Erlebnisgedichte, allerdings raffinierte, sprachlich geschärfte und reflektierte. Gelegentlich, selten, erscheinen Reime wie Erinnerungen an vergangene Harmonien. Kelter verzichtet auf Satzzeichen und zieht die Sinneinheiten oft über das Ende einer Zeile hinaus in die nächste Zeile, sodass der Leser die Struktur der Sätze selbst suchen muss. Oft gibt es mehrere Orte, wo wir Pausen, Kommas und Punkte sinnvoll setzen könnten, sodass verschiedene Sinneinheiten entstehen können. Kommt dazu, dass Kelter uns immer wieder durch regelmässige Rhythmen einlullt – bis er uns stolpern lässt. Oft auch scheinen die Gedichte einfach und schnell verständlich – bis plötzlich Rätsel kommen.

Diese Gedichte sollte man als Einladung verstehen, Sprachtrouvaillen zu finden. Wer sucht wie ein Trüffelschwein, wird fündig werden. Kelter ist immer wieder verblüffend einfach und treffend: «die Zeit ist nicht / wir selbst sind die Zeit die vergeht».

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