Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Wie gefährlich ist das Pflanzengift?

Während WissenschaftlerInnen weiter streiten, ob Glyphosat krebserregend ist, zeigen neue Tests, dass das Pestizid längst in unserem Körper angekommen ist.

Von Franziska Meister

In Deutschland gehen die Wogen hoch: Erst hat das Umweltinstitut München Ende Februar in den vierzehn meistverkauften deutschen Biersorten Rückstände des Pestizids Glyphosat gefunden, die den Grenzwert für Trinkwasser bis zum 300-Fachen übersteigen.

Darauf stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) klar, dass ein Erwachsener pro Tag tausend Liter Bier trinken müsste, um gesundheitlich bedenkliche Mengen an Glyphosat aufzunehmen. Aber das BfR behauptet ja auch, Glyphosat sei nicht krebserregend, während die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO den gegenteiligen Verdacht hegt (siehe WOZ Nr. 47/2015). Und für krebserregende Stoffe gibt es keine sicheren Grenzwerte. Wie gefährlich ist Glyphosat denn nun für Menschen?

Die Sache mit dem Grenzwert

Das Breitbandherbizid hat in den neunziger Jahren in der Landwirtschaft eine bemerkenswerte Karriere gestartet. Mittlerweile ist Glyphosat der weltweit am häufigsten verwendete Wirkstoff gegen Unkraut – und taucht damit immer häufiger auch dort auf, wo man es nicht haben möchte: im Wasser, in Lebensmitteln und sogar im Körper von Mensch und Tier.

Letzten Herbst hat das Umweltinstitut München zusammen mit anderen Umweltschutzorganisationen in ganz Deutschland Urinproben von Freiwilligen gesammelt, um sie im Labor auf Glyphosatrückstände testen zu lassen. Über 2000 Proben sind so zusammengekommen. Am 4. März wurden die Resultate dieser weltweit umfassendsten Datenerhebung zur Belastung mit Glyphosat veröffentlicht: Das Pestizid fand sich in praktisch jeder Urinprobe – in drei von vier Proben lag es mit einer Konzentration von 0,5 Mikrogramm pro Liter sogar um das 5-Fache über dem für Trinkwasser geltenden Grenzwert. Jede dritte Probe überschritt diesen Grenzwert gar um das 10- bis 42-Fache. Die höchsten Belastungen fand das Labor im Urin von Kindern und Jugendlichen sowie bei Personen, die beruflich mit Glyphosat in Kontakt kommen. Und offenbar weisen auch Fleischesser deutlich höhere Glyphosatwerte im Urin auf als Vegetarierinnen.

Doch diese Daten sagen erst einmal nichts über ein mögliches Gesundheitsrisiko aus, weil der Vergleich mit dem Grenzwert von Trinkwasser hinkt: Der in Deutschland geltende Grenzwert für die Aufnahme von Glyphosat aus Lebensmitteln liegt bei 300 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht und Tag. Darauf beruht auch die Antwort des BfR zum Bierkonsum. Sie hat nur einen Haken: Stuft man Glyphosat wie die WHO als potenziell krebserregend ein, müsste dieser Grenzwert wieder um den Faktor 1000 bis 10 000 verringert werden.

Chronische Aufnahme untersuchen

Behörden wie das BfR führen an, dass über achtzig Prozent des aufgenommenen Glyphosats praktisch unverändert über den Urin wieder ausgeschieden würden und sich nicht im Körper anreicherten. Wissenschaftliche Untersuchungen an Mäusen und anderen Tieren kommen indes zu anderen Ergebnissen. So wies eine Studie an Ratten nach, dass nur ein gutes Drittel des Glyphosats absorbiert und wieder ausgeschieden wurde, der Rest verblieb im Magen-Darm-Trakt. Dort, so Monika Krüger, ehemalige Leiterin des Instituts für Bakteriologie und Mykologie der Universität Leipzig, schädige das Glyphosat vor allem gesundheitsfördernde Bakterien.

Krüger, die auch die Daten der Urinproben ausgewertet hat, forscht seit Jahren zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Glyphosat. Sie ist überzeugt, dass der chronischen Aufnahme des Pestizids eine grosse Rolle zukommt. In verschiedenen Studien hat sie Glyphosat nicht nur im Urin von Kühen, Hasen und Schweinen nachgewiesen, sondern auch in deren Organen: in Lunge, Leber, Nieren, Herz, im Gehirn, im Darm sowie in den Muskeln. Besonders hohe Glyphosatkonzentrationen in verschiedenen Organen fand Krüger bei den Ferkeln eines dänischen Schweinezüchters, die eine hohe Rate an Missbildungen und Fehlgeburten aufwiesen – Missbildungen, die Krüger in einen kausalen Zusammenhang mit Glyphosat bringt. Denn Glyphosat erhöht die Konzentration von Retinol im Blut, und Retinolsäure spielt eine Schlüsselrolle in der embryonalen Entwicklung: Eine erhöhte Konzentration kann zu neuralen Defekten und Missbildungen führen.

Für Monika Krüger bedeuten die Resultate der Urinproben vor allem eines: Es müssen weitere wissenschaftliche Untersuchungen gemacht werden, um herauszufinden, ob und wie sich das Glyphosat im Körper auf die menschliche Gesundheit auswirkt. «Dass fast jeder von uns das Pflanzengift im Körper hat, heisst für mich ganz klar, dass es jetzt keine überstürzte Neuzulassung bis 2031 geben darf», betont auch Harald Ebner, Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Das sieht auch die Europäische Kommission so: Weil sich die 28 LänderexpertInnen Anfang der Woche nicht einigen konnten, hat sie den Entscheid vertagt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch