Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

Auf dem Land haben sie die Wahrheit gepachtet

Vergiftete Idylle: Die Figuren in Juli Zehs grossem Gesellschaftsroman «Unterleuten» haben sich in den Schützengräben ihrer Meinung verschanzt. Ein Panoptikum des Schreckens – aber auch der Klischees.

Von Lennart Laberenz

«Das Tier hat uns in der Hand.» Erster Satz, direkte Rede: Darin sind schon viele Dinge enthalten, die sich in Juli Zehs Roman «Unterleuten» über 600 Seiten strecken werden.

Mit dem «Tier» ist der Nachbar gemeint. Es spricht eine, die aus der Stadt kommt, jetzt im Dorf wohnt, der Nachbar macht ihr, ihrem Mann und dem Neugeborenen das Leben unmöglich, er benimmt sich, meint sie, wie sich Menschen eben nicht benähmen. Denn «das Tier» lässt fortlaufend Reifen brennen, der giftige Rauch verübelt Jule und Gerhard den heissen Sommertag, sie verrammeln die Fenster, schwitzen, das Kleinkind schreit, die Nerven liegen blank. Die Feuer selbst deuten auf Macht und Ohnmacht, auf die komplexen Verhältnisse im Dorf und die schwere Bürde, die Nachbarschaft in einem kleinen Ort bedeuten mag. Sie deuten aber auch auf die festen Meinungen, die man über das richtige Leben haben kann, denn natürlich hat auch der Nachbar gute Gründe für seine Feuer.

«Unterleuten» ist ein Exemplar der etwas rar gewordenen Gattung des Gesellschaftsromans. Zeh hat ihn in Brandenburg angesiedelt. Der reale Hintergrund der Gesellschaft, in die wir eintauchen, hat drei wesentliche Probleme: Erstens hat die Geschichte die Region besonders häufig mit Verheerungen bedacht (Raubritter, jahrzehntelange Kriege, Preussentum), zweitens sind die Böden karg und die Bildungsinstitutionen rar. Und drittens liegt Brandenburg wie ein Ring um Berlin, was einem dauernden, ausweglosen und gegenseitigen Ertragenmüssen gleichkommt. Daraus ergibt sich eine unmoderierte Nähe verschiedener Formen von Kleingeist und Starrsinn, denn hier wie dort glaubt man ganz gerne an die eigene Wahrheit.

Früh im Geschehen des Romans postuliert der Berlin-Flüchtling Gerhard mit Blick auf den verqualmten Garten, dass die «heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche» genau darin liege, «das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen» – und man ahnt, wie schlecht so etwas im Dorf ankommt. Dennoch kann man noch kurz darüber nachdenken, ob sich in Deutschland die durchschnittlich bornierte Stadt-Land-Differenz mit weniger bürgerlichen Umgangsformen näher beieinander platzieren liesse als in Brandenburg. Aber da sind wir schon über die ersten Kapitel hinaus, die interessante Setzung verblasst bereits.

Es klingeln die Merksätze

Der Roman folgt den losen Regeln des Genres und lässt konsequent subjektive Blicke aufeinanderprallen. Der alte Dorfhäuptling Gombrowski und sein Widersacher Kron sind durch langen Hass fest aneinandergekettet, es gibt einen Bürgermeister, ein paar Unterlinge und Familienverästelungen, natürlich siedeln sich Menschen neu an, kommen aus Berlin oder Westdeutschland, als Jungfamilien oder Pärchen. Im Ort liest man keine Zeitung, schaut kaum fern und regelt die Dinge unter sich. Zehs Unterleuten ist das Bild eines dorfgewordenen Fatalismus, wie es ihn vielleicht wirklich auf dem Land gibt, samt antiintellektueller Grundstimmung und ermüdendem Postwende-Staatsmisstrauen.

Man muss nur den Ortsnamen auftrennen und kann so etwas wie ein Programm feststellen: Unter Leuten zu sein, zumal unter denen, die den Roman bewohnen, ist eine Katastrophe. Den passenden Merksatz zu Umständen, die sehr früh sehr klar werden, liefert Gombrowski, ökologischer Industrielandwirt und Sohn eines enteigneten Grossgrundbesitzers: «Die Wahrheit war nicht, was sich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.» Das Panoptikum des Schreckens, kann man meinen, funktioniert vor allem deshalb so wasserdicht, weil sich alle in die Schützengräben ihrer Meinung zurückgezogen haben und allenfalls Klatsch austauschen.

Das ist erst einmal faszinierend, aber wie es in «Unterleuten» von Personal wimmelt, klingelt es einem bald in den Ohren vor lauter Merksätzen: Fast alle BewohnerInnen haben eine feste Meinung, gehen grundsätzlich davon aus, dass die ihrige die richtige sei, und halten sich damit nicht nur den jeweils anderen, sondern gleich das halbe Universum vom Leib: die Jugend, das Alter, die Geschichte oder die Moderne.

Profit am Horizont

Dann gibt es den Plot: und zwar die Notwendigkeit, ein paar Windräder in die Landschaft zu stellen. Dadurch kippt die mühsame Balance vollends zu einer spieltheoretisch aufgeladenen Feindseligkeit – Gombrowski und Kron wähnen sich in Konflikten, in denen sie schon den dumpfen DDR-Sozialismus oder den Hurrakapitalismus nach 1989 als Möglichkeiten persönlicher Bereicherung gegeneinander verwendet hatten; eine junge Frau mit Pferd und kryptofaschistischem Selbstoptimierungsratgeber als Quell ihrer Handlungsmaximen versucht alle gegeneinander auszuspielen; der Scheinintellektuelle Gerhard setzt sich für eine Schnepfenart ein, will aber eigentlich nur seinen freien Blick aus dem Fenster bewahren. Dazu kommt noch ein am Kleingedruckten der überspannten Dorfsituation desinteressierter Investor aus Ingolstadt; Kinder, die verschwinden und wieder auftauchen, entfremdete Freundschaften, erkaltete Ehen, vermutete Liebschaften.

Juli Zeh lotet die wachsende Frontstellung der einzelnen Charaktere aus, die Motive ihrer Abneigung sind immer subjektiv verständlich. Indem die Windanlagen näher rücken, indem Profit am Horizont winkt, spitzt sich das Panorama des radikalen Utilitarismus zu: Jeder folgt immer kompromissloser seinen eigenen Interessen. Schliesslich dämmert dem Protagonisten Kron das 21. Jahrhundert als «Zeitalter bedingungsloser Egozentrik. Wenn der Glaube an das Gute versagte, musste er durch den Glauben an das Eigene ersetzt werden.»

Das glitzernde Unbehagen

Allerdings ermüden einen die vielen Stereotype zwischen den hübschen Beschreibungen. So folgt man dem Treiben in Unterleuten bald mit ähnlichem Interesse, mit dem man die Fernsehfurunkel der Privatkanäle begleitet: mit der distanzierten Lust an der Katastrophe der anderen. Das trifft nicht im gleichen Mass auf alle BewohnerInnen von Unterleuten zu – im stabilen Streit zwischen Gombrowski und Kron steckt eine dunkle Faszination, in der Juli Zeh die historischen Verläufe von der Junkerzeit bis durch die DDR schimmern lässt. Dafür fallen ihr zum jüngeren Personal nicht viel mehr als simple Strickmuster ein – oder was soll man von einem «turnschuhweichen» Computerspielentwickler halten, der den bläulichen Glanz der Monitore schätzt und plötzlich über die Duisburger Loveparade-Toten schluchzt?

Und weil die Autorin dem Personal ständig banale Weltweisheiten und klischierte Meinungen mitgibt, wächst beim Lesen Langeweile: Der Fleiss, mit der sich alle den Umständen hingeben und sie weitertreiben, schraubt die Fallhöhe des Gesellschaftsromans weit nach unten. Dann muss alles in eine Katastrophe münden. Und weil das noch nicht genügt, sucht Juli Zeh hintenraus noch eine Metaebene, verkleidet alles per Epilog zur journalistischen Langreportage einer fiktiven Journalistin. Eine seltsam leere Geste, die dann vom Gesellschaftsroman kaum mehr als hübsche Beobachtungen und ein wenig glitzerndes Unbehagen übrig lässt.

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