Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Ein Anthropologe auf den Gleisen

Von Stephan Pörtner

Tramchauffeur Heidenbenz begann den Morgen mit unverhohlener Zuversicht. Er würde den ganzen Tag die Königslinie fahren, die wie keine zweite die Stadt durchkreuzte und durchquerte, die gesellschaftlichen und tektonischen Schichten anschürfte und Einblick in die Tiefenstruktur des Zusammenlebens gewährte. Spektakuläre Aussichten fehlten ebenso wenig wie hippe Hotspots und soziale Brennpunkte. Nichts führte Heidenbenz die Beliebigkeit und Nichtigkeit menschlichen Strebens besser vor Augen als die fünffache Hin- und Zurückfahrt auf dieser seiner Lieblingslinie. Bei Schichtende war seine Zuversicht ungebrochen, und selbst die Aussicht, am nächsten Tag in entgegengesetzter Nord-Ost-Ausrichtung die sterbenslangweilige Postkartenlinie mit Niederflureinstieg fahren zu müssen, konnte ihm nichts anhaben.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein 2013 erschienener Krimi «Mordgarten» ist unter https://www.woz.ch/shop/buecher zu haben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Ein Anthropologe auf den Gleisen aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr