Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Terrorismus im Franchisemodell

Während der «Islamische Staat» in seinem Stammgebiet militärische Verluste einstecken muss, häufen sich in Europa die Anschläge. Ein Kurswechsel oder Zufall? Und was heisst das für die Terrorbekämpfung?

Von Markus Spörndli

Die Lage ist wieder einmal verwirrlich. Der sogenannte Islamische Staat (IS) terrorisiert – wenige Monate nach Paris – mit Brüssel eine weitere westeuropäische Hauptstadt, scheint fähig zu sein, praktisch jederzeit und überall zuzuschlagen. Doch zugleich prognostizieren nicht nur der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi oder das US-Aussenministerium, sondern auch etliche Nahost- und TerrorexpertInnen das baldige Ende der Organisation. Sie weisen auch auf militärische Misserfolge, bedeutende Gebietsverluste und wirtschaftliche Probleme in den IS-Stammlanden Irak und Syrien hin.

Das «Erfolgsimage» wankt

Den vordergründigen Widerspruch zwischen globaler Stärke und lokaler Schwäche versucht etwa Daniel Byman, Forschungsdirektor des Zentrums für Nahostpolitik des Washingtoner Thinktanks Brookings Institution, aufzulösen: Die Anschläge in Paris und Brüssel bedeuteten einen Strategiewechsel seitens der IS-Führung, die seit Monaten unter Druck stehe, schrieb Byman in den US-Publikationen «Slate» und «New York Times». In der Tat verlor der IS seit dem Sommer 2014, als er sein «Kalifat» ausrief, im Irak rund vierzig Prozent und in Syrien – vor allem seit dem Verlust der Wüstenstadt Palmyra am vergangenen Wochenende – über zwanzig Prozent seines Territoriums (vgl. Karte). Zentrale Führungsfiguren sind durch gezielte US-Angriffe getötet worden, am Freitag traf es etwa den «Finanzminister» Abdel Rahman al-Kaduli.

Neben dem militärischen habe der IS vor allem ein Imageproblem, so Byman. Nachrichten von Gebietsverlusten unterwanderten das Propagandakonzept, nach dem den ausländischen RekrutInnen ein erfolgreiches Leben in einem unabhängigen und expandierenden «islamischen» Staat versprochen wird. Der IS versuche deshalb, die lokalen Verluste auf globaler Ebene zu kompensieren und sein «Erfolgsimage» mit aufsehenerregenden Anschlägen in Europa aufzupolieren.

Gebietsgewinne und -verluste des IS seit 1. Januar 2015 (grosse Ansicht der Karte). Karte: WOZ; Quelle: IHS Conflict Monitor

Mittelfristig führe dieser «taktische Gewinn» aber zu einem «strategischen Verlust», da der IS durch erhöhte Überwachung in Europa und militärische Aktionen im Nahen Osten noch mehr unter Beschuss komme. Manche von Bymans KollegInnen sehen deshalb das Ende des IS schon gegen Ende des Jahres kommen, andere erst im Lauf von 2017.

Zwei Expertinnen mit direktem Draht zu aktuellen und ehemaligen IS-Mitgliedern sehen die Sache viel weniger dialektisch. «Trotz militärischer Rückschläge fällt der IS noch lange nicht in sich zusammen», sagt Lina Khatib, Wissenschaftlerin bei der Arabischen Reforminitiative in London und frühere Direktorin des Carnegie Middle East Center in Beirut. Denn um gefährlich zu bleiben, genüge dem IS auch ein ganz kleines Territorium. «Und noch immer kontrolliert er grosse Teile Syriens und des Irak und bleibt dort der dominante militärische Akteur», so Khatib. Der Erfolg von Palmyra werde für die IS-GegnerInnen etwa im Kampf um die irakische Grossstadt Mosul nicht so einfach zu wiederholen sein.

Schliesslich bleibe der IS auch ideell der Vorreiter unter den Dschihadorganisationen. «Zwar erinnert die zunehmende Internationalisierung des Terrors an die langjährige Strategie von al-Kaida», sagt Lina Khatib. Aber vor Ort orientiere sich ihr syrischer Ableger, die Al-Nusra-Front, krampfhaft am erfolgreicheren Konkurrenten: «Gerade in der Region um Idlib im Nordwesten Syriens versucht sie, das IS-Modell zu kopieren und staatliche Funktionen zu übernehmen», so Khatib.

Für Loretta Napoleoni, eine führende Expertin für Terrorismus, sind die europäischen Anschläge alles andere als eine panische Kurzschlussreaktion. «Die Al-Kaida-Führung hat ihre Terroranschläge noch zentral geplant und transnational ausgeführt», sagt die in den USA wohnhafte Italienerin, die diverse Regierungen berät. «Beim IS ist nur die Ideologie transnational – vor Ort agieren unabhängige Netzwerke.» Al-Kaida funktioniere wie ein transnationaler Konzern, der IS sei eher eine Art «lose ideologische Föderation». Deshalb könne man bei Letzterem gar nicht mehr von einer Organisation sprechen. Die Strategie des IS sei also die «neuste Entwicklung des transnationalen Dschihadismus».

Die von Daniel Byman und anderen ExpertInnen vertretene These einer globalen Kompensation nahöstlicher Verluste ist nur schon deshalb gewagt, weil die IS-Führung spätestens Anfang 2014 begann, Anschläge in Europa zu planen und etwa französische Dschihadisten zurückzuschleusen, wie die «New York Times» letzten Dienstag unter Berufung auf Geheimdienstquellen offenlegte. Damals war die Organisation gerade im Irak und in Syrien auf dem Vormarsch, rief kurz darauf das Kalifat aus. Für Propagandazwecke waren und sind Anschläge im «Feindesland» in jedem Fall Gold wert – egal ob die DschihadistInnen nun «zu Hause» unter Druck stehen oder nicht. Ein Anschlag in einer europäischen Hauptstadt bringt immer mehr als die Eroberung eines syrischen Dorfs.

«Die globale und die regionale Strategie des IS laufen parallel», sagt Napoleoni. «Das europäische Netzwerk schlägt zu, weil es jetzt dazu in der Lage ist, nicht weil es den Auftrag hat, Gebietsverluste des Kalifats zu kompensieren.»

Regional und global zugleich

Gestützt wird diese Einschätzung durch Ereignisse vom letzten Freitag: Nur drei Tage nach den Attacken in Brüssel wurden bei einem Anschlag während eines Fussballmatchs in Iskandarijah siebzig Kilometer südlich von Bagdad und drei Anschlägen im südjemenitischen Aden insgesamt fast siebzig Menschen getötet. Solche Terroroperationen in militärisch umkämpften Landstrichen, die der IS als eigene «Provinzen» betrachtet, erfordern ebenfalls grossen Organisationsaufwand, schlagen aber medial kaum Wellen. Das deutet nicht auf einen Strategiewechsel hin, sondern auf die Gleichzeitigkeit einer globalen und einer regionalen, nahöstlichen Strategie.

Beide Strategien scheinen mehr und mehr zu greifen. Das betrifft nicht nur gescheiterte Staaten in der Region wie Libyen oder den Jemen, sondern auch mächtige Polizeistaaten wie Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei. Global gesehen war das IS-Netzwerk zuletzt nicht nur in Westeuropa erfolgreich, sondern vor allem in Asien: In Bangladesch gab es innerhalb von drei Monaten fünf Anschläge auf Nichtmuslime und Schiitinnen. Und am 14. Januar attackierten indonesische IS-Attentäter eine Hauptverkehrsstrasse mitten in der Hauptstadt Jakarta. Obwohl dank glücklicher Umstände nur wenige Menschen starben, warf dieser erste IS-Anschlag im südostasiatischen Raum ein Schlaglicht auf die explosive Situation in Indonesien, Malaysia oder auf den Philippinen: Hunderte Syrienrückkehrer und lokale islamistische Terrororganisationen sind zurzeit dabei, sich zu einem südostasiatischen IS-Netzwerk zu formieren.

So sind weitere Anschlagsversuche in den Hauptstädten der Welt sehr wahrscheinlich. «Seit ‹Charlie Hebdo› hat es in Europa vierzehn Terrorattacken gegeben, aber nur diejenigen in Paris und Brüssel waren wirklich in den Nachrichten. Wenn sich die europäische Öffentlichkeit an den Terror gewöhnt, wird der IS darauf reagieren», meint Terrorexpertin Napoleoni. Da gesteigerte Medienaufmerksamkeit die Propaganda befeuere, werde der IS in Zukunft noch grössere, blutigere Anschläge planen.

Mit allen Seiten verhandeln

Was also tun? «Gerade die Anschläge in Europa haben gezeigt, dass ein ausschliesslich militärischer und geheimdienstlicher Ansatz zur Bekämpfung des IS nicht genügt», sagt Khatib von der Arabischen Reforminitiative. «Der Terror wird so lange weitergehen, wie in Syrien und im Irak der Krieg fortdauert.» Um diesen zu beenden, bräuchte es neben einer militärisch-diplomatischen vor allem eine politische Lösung. Die beste Alternative zum «Islamischen Staat »ist also ein einigermassen funktionierender richtiger Staat.

Das betrifft natürlich auch den Umgang europäischer Staaten mit muslimischen Gemeinschaften. «Wir bereiten gerade den Boden für die nächste Welle terroristischer Anschläge», sagt Loretta Napoleoni. «Anstatt dass Länder wie Frankreich oder Belgien die muslimischen Minderheiten integrieren, tun sie das Gegenteil.» Derweil sitzen fast zwei Millionen Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, in türkischen Flüchtlingscamps fest, der Willkür des EU-Türkei-Deals ausgeliefert. «Das erinnert an die ausweglose Situation der palästinensischen Flüchtlinge in den Camps in Jordanien oder im Libanon», sagt Napoleoni. In dieser Situation hätten RekrutiererInnen von Terrororganisationen leichtes Spiel.

«Die Leute brauchen Hoffnung, egal wo sie sich befinden», glaubt die Italienerin. Das Wichtigste sei auch weiterhin, Syrien und den Irak zu befrieden, mit Diplomatie statt Luftangriffen. Dafür müsse man mit allen verhandeln, auch mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad – und letztlich auch mit Vertretern des IS.

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