Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

War soziale Arbeit für Sie schon immer etwas Politisches?

Soziale Arbeit sei bürokratischer geworden, sagt Jeanette Vernay. Und die jungen BerufskollegInnen von heute seien zwar viel professionalisierter als noch in den achtziger Jahren – aber weniger politisch engagiert.

Von Meret Michel (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Jeanette Vernay vor ihrer seit Dezember geschlossenen Bar: «Für uns war damals wichtig, dass wir mit unserem Handeln etwas bewegen konnten.»

WOZ: Frau Vernay, nachdem Sie im Dezember Ihre Bar geschlossen haben, sind Sie jetzt wieder auf Stellensuche im Sozialbereich. Wie läuft es?
Jeanette Vernay: Es zieht sich enorm. Früher war das viel einfacher. Wenn ich vor zwanzig Jahren eine Stelle suchte, kamen in der Regel sehr schnell Angebote von Institutionen oder Vereinen. Heute muss man sich überall bewerben – es dauert Wochen, bis man überhaupt zu einem Gespräch eingeladen wird. Das informelle Netzwerk spielt nicht mehr so wie damals. Die meisten Berufskolleginnen aus meiner Generation sind nicht mehr dabei, haben den Job gewechselt oder sich früh pensionieren lassen. Und die Jungen sind halt einfach ganz anders drauf, als wir es damals waren.

Inwiefern?
Als ich Sozialarbeit studierte, sah man unseren Beruf noch als eine Art Beziehungsingenieur. Unsere Aufgabe war es, in die Köpfe der Leute zu schauen und die Würfel, die durcheinandergeraten waren, wieder zu ordnen. Dazu muss man aber erst mal ein Vertrauensverhältnis aufbauen – die Beziehung zum Klienten, zur Klientin war zentral. Heute wird den angehenden Sozialarbeiterinnen das Gegenteil beigebracht: Professionelle Distanz ist das A und O. Auf einem Sozialdienst oder in der Justiz mag das ja vielleicht angebracht sein – in der aufsuchenden Sozialarbeit aber, oder wenn es um Beratung geht, führt das langfristig zu einem Qualitätsabbau.

Stimmt es, dass Sie durch einen Job bei der Migros in der Sozialarbeit gelandet sind?
Doch, doch. Damals, ich war ungefähr 22, arbeitete ich als Leiterin der Dekorationsabteilung in Zürich. Das war eine simple, repetitive Arbeit – so musste ich zum Beispiel tausend Plastikchristbäume für Weihnachten herrichten. Irgendwann kam mir die Idee, dass man das doch auch mit Behinderten zusammen machen könnte. Mein Chef fand die Idee gut, und wir fanden eine Werkstatt, die bereit war, mit uns zusammenzuarbeiten.

Und so kamen die Leute zu uns, haben Styroporwürfel in Geschenkpapier eingepackt – und fanden das total lässig. Dabei habe ich gemerkt, dass mir dieser Beruf liegt. Manche Dinge waren mir damals aber noch nicht wirklich so klar – zum Beispiel, wie man mit den Leuten reden sollte und wie nicht. Und so habe ich die Ausbildung gemacht, parallel dazu in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet und habe dann in die Drogenarbeit gewechselt. 1992 habe ich die Ausbildung abgeschlossen.

War das nicht das Jahr, in dem die offene Drogenszene auf dem Platzspitz geschlossen wurde?
Genau. Ich habe dann bei Pfarrer Ernst Sieber angefangen. Nach der Schliessung der offenen Szene auf dem Platzspitz meinte er: «Gut, jetzt mieten wir halt eine alte Fabrikhalle, bauen Zimmer rein und leben einfach dort.» Ich dachte zuerst, ich hör nicht recht. Aber Sieber ist echt ein Phänomen: Der hat eine Idee – und am nächsten Tag stehen hundert Leute auf der Matte, um die Wohnungen in die Halle zu bauen. Das war in Kollbrunn, einem kleinen Dorf im Tösstal. Wo wir dann mit den Junkies eine Weile gelebt haben – bis die Dorfbewohner genug hatten und sich zu beschweren begannen. Worauf Sieber sagte: «Gut, dann fahren wir jetzt alle in die Skiferien.» Er hat dann ein Hotel am Pizol gemietet, und am Sonntag fuhren wir mit einem Transporter voller Skiausrüstungen in die Berge, nachdem Pfarrer Sieber in Chur noch schnell eine Predigt gehalten hatte. Das war schon lustig, aber irgendwann wurde es mir zu unprofessionell, und ich habe die Stelle wieder gewechselt.

Sie sind ein Kind der achtziger Jahre. War soziale Arbeit für Sie schon immer auch etwas Politisches?
Ich war schon immer ein politischer Mensch. Das hat wohl mit meinem Vater zu tun. Der war total apolitisch – und hat die Stimmcouverts jeweils direkt ins Altpapier geworfen. Als wir in der sechsten Primarschulklasse in der Staatskunde lernten, wie man Stimmzettel ausfüllt, habe ich sie wieder aus dem Abfall gefischt, ausgefüllt und gesagt: So, und am Sonntag gehen wir das zusammen einwerfen.

Aber ja, für mich ist Sozialarbeit immer etwas Politisches. Für uns war damals wichtig, dass wir mit unserem Handeln etwas bewegen konnten. Heute ist das anders.

Was ist passiert?
Früher war die Sozialarbeit viel mehr in kleinen Vereinen organisiert. Man sah ein Problem und handelte – das war der Geist der achtziger Jahre. Irgendwann Anfang des neuen Jahrtausends hat sich das geändert. So hat auch die Stadt Zürich ihre Strategie gewechselt – statt die Vereine einfach zu subventionieren, schliesst sie seither Leistungsverträge mit ihnen ab. Sie hat also jene Leistungen eingekauft, die sie selber nicht erbringen konnte. Damit kann sie auch den Takt angeben. Mit der Presse reden und einen Missstand öffentlich machen, wie wir das früher oft gemacht haben, geht seither kaum mehr. Heute arbeiten die sozialen Betriebe zielgruppenorientiert, statt sich auf Sozialräume zu fokussieren. Es ist alles bürokratischer geworden. Und eben, die angehenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind nicht mehr so politisch. Früher war einfach alles ein bisschen anders. Hat meine Grossmutter schon gesagt.

Jeanette Vernay (48) hat inzwischen eine neue Stelle als Sozialarbeiterin gefunden. Als sie jung war, hat sie ab und zu die Luft auch aus den Reifen der Polizeiautos gelassen.

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