Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Dort drüben, da hinten, in Frohburg

Obsessive Ergründung einer ostdeutschen Kleinstadt: In Guntram Vespers verwegenem, an der Leipziger Buchmesse preisgekröntem Roman liegen zwei Chronisten miteinander im Wettstreit.

Von Erich Hackl

Die sächsische Kleinstadt Frohburg, auf halbem Weg zwischen Leipzig und Chemnitz gelegen, wäre auch ohne diesen tausendseitigen Wälzer in die Weltliteratur eingegangen. Denn Guntram Vesper hat der Ortschaft, in der er die ersten sechzehn Jahre seines Lebens zugebracht hat, in ungemein klaren Gedichten und Erzählungen voll verhaltener Schönheit eine Bedeutung verliehen, wie sie sonst nur fiktiven Schauplätzen zukommt, dem Macondo Gabriel García Márquez’ etwa oder Juan Carlos Onettis Santa María.

«Frohburg» allerdings, der Roman, führt alles, was Vesper bisher veröffentlicht hat, zusammen, in einer schwindelerregenden Abfolge verästelter, miteinander verknüpfter Geschichten, die weit zurückgehen, dann jäh in die Gegenwart springen, abschweifen, den Faden verlieren und wieder aufnehmen, Privates – sogar peinlich Privates – mit den grossen politischen Aufbrüchen wie Katastrophen des letzten Jahrhunderts verbinden und immer um eine Frage kreisen, die Vesper in der für sein Schreiben typischen rätselhaften Knappheit stellt: «Was in uns steckt.»

In der stampfenden Mühle

Guntram Vesper, geboren kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941, Sohn eines Landarztes und einer ehemaligen Fabrikangestellten, hat mit seiner Familie im Spätherbst 1957 die DDR verlassen, aus Furcht der Eltern, die politische Verhärtung dort werde über kurz oder lang auch sie und ihre Söhne erfassen: bürgerliche Intelligenz, dem üblichen Funktionärsjargon zufolge, ohne Nazivergangenheit, aber auch ohne Parteibuch und Aufstiegswillen, im Gegensatz zu den neuen Eliten in den Schulen, Spitälern und Betrieben der Provinz. Deshalb schwer einzuschätzen, im Ernstfall unverlässlich.

In Hessen mühsamer Neubeginn, allmählich massvoller Wohlstand, trotzdem kein Verlangen, die Zeit davor zu verdrängen. Frohburg blieb die Mitte, auf die man sich im Guten wie im Bösen bezog. Obsessiv beinahe das Interesse Guntrams, der noch als Schüler anfing, die Herkunftsregion literarisch zu erkunden. Zügelloses Sammeln von allem, was auch nur entfernt sein früh gefundenes Lebensthema betraf. Dazu die eigene Wahrnehmung der anderthalb Jahrzehnte «dort drüben, da hinten, in Frohburg»: «Als hätte man sie im Hinterzimmer einer riesengrossen rastlos stampfenden Mühle verbracht, die Ideen und Gefühle und auch noch die leisesten Regungen zerschrotete und Menschen verbrauchte, in massloser Menge, ganze Städte, Landstriche, Provinzen und Länder wurden zu Schutt und Erinnerung, während man selber Lesen und Schreiben lernte und die Sonne aufgehen und hinter dem Horizont wieder versinken sah. Zitternde Bilder, zitternder Boden. Wirkt und wühlt in uns weiter, wirst sehen.»

Eine totale Autobiografie

«Frohburg» ist vieles in einem: eine Ortschronik, ein Geschichtswerk, eine Sammlung mysteriöser Kriminalfälle, eine Familiensaga voll minutiöser Beschreibungen und eine totale Autobiografie, insofern sie dem eigenen Leben bis in Sphären der Begierde und der Animosität nachspürt. Ein verwegenes Buch, wegen des Anspruchs, dies alles kompositorisch zu meistern, bei der Fülle an Personen, Vorfällen, Gegenständen und Verrichtungen. Dabei spannend geschrieben, sogar heiter, was auch daran liegt, dass Vesper die zeitgeschichtlichen Ereignisse Frohburgs, Sachsens, des Erzgebirges oft im Zwiegespräch erörtern lässt, von realen oder vom Verfasser als real existierend ausgewiesenen Personen, die vor lauter Freude am Erzählen einfach kein Ende finden.

So schildert ein Nachbar der Familie dem Vater des Autors ein halbes Jahr und über hundert Seiten lang, was ihm an bemerkenswerten Begebenheiten untergekommen ist – und noch vier Jahrzehnte später wird der alte Doktor Vesper ins Grübeln kommen, warum er süchtig danach war, sich so viele Nächte mit dem Mann aus der Mansarde um die Ohren zu schlagen: «Je länger er erzählte, desto mehr Geschichten fielen auch mir ein und drängten heraus, wollten erzählt werden, waren scharf auf Anerkennung und Bewunderung, und wenn es eben nur der neue Mitbewohner aus dem Dachgeschoss war, von dem sie kamen, der sie spendete.»

Tatsächlich hat Guntram Vesper in seinem Roman ein Fest mündlichen Erzählens ausgerichtet, das immer auch Ausdruck gegenseitigen Vertrauens ist, der Freigebigkeit, des Willens zur Verständigung, auch in gesellschaftlicher, politischer Hinsicht. Weil es ohne Verständigung keine Veränderung gibt. Und weil die Geschichten, die uns Vesper und seine Protagonisten auftischen, auch den berühren, der anderswo und zu anderen Zeiten und unter anderen Verhältnissen aufgewachsen ist: Auch in diesen steckt, was den Autor zum Schreiben drängt. Deshalb sprengt seine Frohburger Heimatkunde lokale wie nationale Grenzen.

Ein heiterer Grundton also, die Begebenheiten jedoch überwiegend düster. Vespers Schilderungen nun sind härter als in seinen früheren Arbeiten, feindseliger, weniger verbindlich. Er will nicht mehr abwägen, er hat es satt, Willkür und Brutalität, den gewissenlosen Umgang mit Mensch und Natur nach 1945 gegen die Vorkommnisse davor aufzurechnen. So entwirft er, in der Darstellung des mörderischen Wismutbergbaus – Urangewinnung für das sowjetische Atomprogramm –, Bilder, die in ihrer Ausweglosigkeit an Hieronymus Bosch oder Sebastião Salgado erinnern. Er hält sich nicht damit auf, sie aus der Zeit heraus zu erklären.

Verstörende Auslassungen

Manchmal habe ich den Eindruck, dass in «Frohburg» zwei Chronisten miteinander im Wettstreit liegen: ein sprachbewusster, gedankenvoller, den ich verehre; dann wieder ein derber, mir bis dato unbekannter, der voller Ressentiments auf die deutsche Linke einprügelt. Dieser äussert sich verächtlich über kommunistische Widerstandskämpfer und Schriftsteller, giftet sich, wie an einem dumpfdeutschen Stammtisch der fünfziger Jahre, über «unsere Freunde» in der Sowjetunion und die «Bonzen» der SED und spottet über schlaffe Hintern und Hängebrüste an einem FKK-Strand der DDR, als wären dieser selbst körperliche Verfallserscheinungen anzulasten.

Verstörend auch Vespers Auslassungen über den Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski, der ihm als verachtenswert gilt, weil er als Agent des sowjetischen Nachrichtendienstes Britannien verraten habe. Als Jude hätte er seinem Gastland gefälligst dankbar sein sollen. Ähnliches hat schon Barbara Honigmann über ihre Mutter Lizzy Friedmann geschrieben, man müsste beide AutorInnen an die Rolle der Londoner Regierung im Spanischen Bürgerkrieg, vor dem «Anschluss» Österreichs und beim Münchner Diktat 1938 erinnern, ausserdem überlegen, ob den britischen ArbeiterInnen der Verrat geschadet oder nicht eher genützt hat. «Was in uns steckt.» Auch dies, leider: nichts. Oder manchmal Stroh.

«Achtung, die Spinne kommt»

Dem andern, geistvollen und kritischen Autor Guntram Vesper gelingen Szenen, die das Elend der Nachkriegszeit zeigen und zugleich aufbrechen. Beeindruckend eine Sequenz, in der sein Vater und ein sowjetischer Major in schweren Klubsesseln beisammensitzen. «Zur gleichen Zeit kroch unten Werner Krause über den Markt. Er hatte in Buchenwald gesessen, zusammen mit seinem Bruder Hermann, der dort ums Leben gekommen war und dem zu Ehren unlängst die enge steile Schulgasse in Hermann-Krause-Strasse umbenannt worden war. Man hatte dem überlebenden Krause im KZ die Knochen zerschlagen, wusste man in Frohburg, seitdem quälte ihn eine Schüttellähmung, vornübergebeugt und mit zwei Krücken schleppte sich der grosse Mann jeden Tag durch Frohburg, wobei er die Krücken wechselweise so vor sich hinsetzte, als hätte er nicht zwei, sondern vier Beine, Achtung, riefen die Kinder, wenn er sich langsam um die Ecke schob, die Spinne kommt.»

Angesichts eines Fotos, auf dem er die abgebildeten Familienangehörigen nicht mehr eindeutig identifizieren kann, klagt der Erzähler über sein Versäumnis, nicht rechtzeitig nachgefragt zu haben, bei der letzten noch lebenden Tante: «Jetzt muss ich mit dieser Lücke wie mit hunderten anderen Fehlstellen zurechtkommen und aus den Bruchstücken das Ganze erraten.» Aber Vesper hat sich, bis auf die ideologischen Einwürfe, wirklich nichts vorzuwerfen. Er ist schon in Zeiten, da viele seiner Altersgenossen damit beschäftigt waren, samt ihren Nazieltern eine ganze Generation schuldig zu sprechen, hinter seiner Familiengeschichte her gewesen, akribisch, geduldig, einfallsreich und, wenn es nottat, auch rücksichtslos. Dabei voller Liebe zu seinen Eltern, wortlos geliebt von ihnen, die, wenn es nottat, für Zuspruch oder ein Gespräch zu ihm nach Göttingen kamen, 400 Kilometer an einem Tag, und sie waren nicht mehr die Jüngsten. Aber es war eine Hilfe in der «Anspannung jener Jahre, in denen man eigene Richtungen, den eigenen Weg sucht, eher taumelnd als tastend, schwer zu begreifendes Leben».

Vespers Buch, soeben an der Leipziger Buchmesse mit dem Literaturpreis ausgezeichnet, ist auch ein Entwicklungsroman über einen, der offenbar schon früh der war, der er heute noch ist: nebst anderem ein stilvoller Berserker der Literatur, der bei sich zu Hause acht Exemplare von Jakob Wassermanns «Caspar Hauser» hortet: «Sicherstellen, es soll keinem Banausen in die Hände fallen.» Auch dieses Buch mit dem Titel «Frohburg» nicht, er hätte es nicht verdient.

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