Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Herr Meyer darf sich auf etwas gefasst machen

Die SBB-Führung zündelt mal wieder im Tessin. Ihre Werkstätten in Bellinzona erhalten weniger Aufträge als vor drei Jahren vertraglich zugesichert. Kommt es abermals zu einem wilden Streik? Ein Besuch.

Von Andreas Fagetti

Raus aus den Klamotten, rein in den Streik: Szene in den SBB-Werkstätten in Bellinzona im April 2012. Foto: Andreas Bodmer

Der «rote Uwe» hat es sich im Pendolino bequem gemacht. Während die gleissenden Berge der Urschweiz vorüberziehen, erzählt der deutsche Gewerkschafter und Lokführer von seinem Arbeitskampf in Berlin. Dort schrieb die Deutsche Bahn den Auftrag für den Betrieb des Berliner S-Bahn-Schienennetzes weltweit aus. Es bewarben sich: japanische, französische, chinesische und britische Unternehmen. Und Uwe Krug und seine transnational vernetzte Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer kontaktierten KollegInnen in all diesen Unternehmen. Sie liessen eine Botschaft streuen: Achtung, gut organisierte Gewerkschaft!

Ob es die unterschwellige Drohung war, die die Unternehmen zum Rückzug bewegte, weiss niemand. Tatsache ist: Die Berliner S-Bahn GmbH, die bisherige Betreiberin, setzte sich am Ende durch.

Die Salamitaktik der SBB-Führung

Und nun also reist der bullige Mann im roten Faserpelz ans Officina-Fest ins Tessin, während sich auf der Alpennordseite niemand für den schwelenden Konflikt interessiert. Das war vor acht Jahren anders. Damals führte die Belegschaft einen wilden Streik gegen einen drohenden Stellenabbau und die Verlegung des Werks für Lokrevisionen, das mitten in Bellinzona auf einem wertvollen Grundstück liegt. Das Streikkomitee mobilisierte den ganzen Kanton. Zwei Millionen Franken flossen in die Streikkasse – selbst Ableger von Grossbanken überwiesen Geld.

Dabei führte das Streikkomitee seinen Kampf mit Worten, die hierzulande eher schlecht ankommen. Streikführer Gianni Frizzo sagte: «Herr Direktor, ich muss Ihnen mitteilen, dass von nun an hier drinnen nicht mehr Sie als Direktor befehlen, sondern die Arbeiter.» Die SBB-Bosse, zuvorderst CEO Andreas Meyer, gaben klein bei. 2013 trotzten die Arbeiter den SBB einen Vertrag ab. Er verspricht der Officina mehr unternehmerische Freiheit und Aufträge der SBB in der Grössenordnung der Vorjahre. Doch die Realität sieht anders aus. Wie vor Jahren ist auch jetzt wieder von der Salamitaktik der SBB-Führung die Rede.

Die Zahlen stützen die Sicht der Streikführer. Die Arbeitsstunden sind seit Vertragsabschluss von 400 000 auf 300 000 geschrumpft, zwanzig Prozent der Stellen sind weg. Und die SBB-Führung hat Aufträge in andere Werkstätten verlagert. Dass dabei nicht bloss sachliche Kriterien mitspielten, davon sind InsiderInnen überzeugt: Die harten Auseinandersetzungen haben die Stimmung vergiftet. In der SBB-Zentrale hegt man deswegen auch Rachegelüste gegen die aufmüpfige Belegschaft.

Zwar gesteht der Vertrag von 2013 dem Betrieb mehr unternehmerische Freiheit zu. Doch an der Führungsstruktur hat sich nichts geändert. Bern steuert, Bellinzona führt aus. Frizzo belegt an diesem Samstag die besorgniserregende Entwicklung. Die Belegschaft hat der SBB-Führung Ende Februar ein Ultimatum gestellt: Sie verlangt, dass die Officina abgezogene Aufträge zurückerhält. Ansonsten wird es zu Aktionen kommen. In welcher Form, das ist noch offen. Mitte April beschliesst eine Vollversammlung der Belegschaft darüber.

Als die WOZ das Officina-Fest vor vier Jahren besuchte (siehe WOZ Nr. 16/2012), versammelten sich mehrere Hundert Leute in der Pittureria, der Malerei. Jetzt, wo es wieder mal um die Wurst geht, sind es deutlich weniger. PolitikerInnen sind da. Nach Frizzos Vortrag ergreifen sie das Wort. Sie reden von Deindustrialisierung, dem starken Franken, von Arbeitsplatzsicherung. Dann steht Bellinzonas Stadtpräsident Mario Branda auf. Er versichert, dass die Stadtregierung hinter dem Standort stehe. Selbst Felix Hauri, der Direktor des Werks, wagt sich in die Höhle des Löwen. In Punkten, die sich ohnehin nicht widerlegen lassen, gibt er Frizzo recht. Und verweist dann auf die «positive Entwicklung» des Werkes.

Im Streikkomitee sitzen Gewerkschafter und Linke, aber auch Leute, die der Lega nahestehen. Frizzo achtet allerdings sorgsam darauf, dass Streikkomitee und Arbeitskampf nicht von politischen Organisationen instrumentalisiert werden. Eine Gratwanderung für den Streikführer, der selbst ein Linker ist. Es soll der Kampf der Belegschaft bleiben, die sich selbst ermächtigt und für sich und ihre Familien einsteht.

Ehe es bei Essen und Wein gemütlich wird, skizziert Frizzo das weitere Vorgehen. Und dann skandiert er in die Halle: «Giu le mani dall’officina!» Hände weg von der Officina! Ob SBB-CEO Andreas Meyer den Ruf verstanden hat? Sollte er nicht einlenken, werden ihn die Arbeiter spätestens am 1. Juni gebührend empfangen. Dann reist er ins Tessin zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Er wird es nicht nur mit gut gelaunten Notabeln zu tun bekommen.

Im Speisewagen mit dem Direktor

Die Nacht ist längst hereingebrochen. Im Pendolino zurück Richtung Zürich sitzt Direktor Felix Hauri im Speisewagen. Er war mal maorot, inzwischen strahlt er in FDP-Blau. Hauri, ein umgänglicher Mann, steckt in einer ungemütlichen Lage, zwischen dem Hammer der SBB-Führung und dem Amboss der Belegschaft. Frizzo und das Streikkomitee nerven auch ihn. Das sagt er zwar nicht, aber man spürt es.

Seit er vor vier Jahren mit der WOZ sprach, hat sich die Welt verändert. Hauri redet vom starken Franken. Und er betont noch einmal, was sich seit seinem Amtsantritt geändert hat: «Wir schreiben schwarze Zahlen.» Um auf dem Markt zu bestehen, müsse auch die Officina effizienter werden. Dabei verweist er auf die Krankheitstage in einer Abteilung der Officina, die weit über dem schweizerischen Durchschnitt liege. «Hier liegt noch Potenzial, wenn wir gemeinsam die Zukunft des Betriebs sichern wollen.» Hauri erwähnt Bemühungen um Aufträge im europäischen Markt, nicht nur im Kernmarkt, der Revision von Lokomotiven, sondern auch in «verwandten» Gebieten. Doch eines, das muss Hauri einräumen, schleckt keine Geiss weg: Das Auftragsvolumen, die Arbeitsstunden und Arbeitsplätze in der Officina sind zurückgegangen. Die SBB halten sich nicht an den Vertrag. Es besteht Klärungsbedarf.

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