Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Ohne öffentliche Unterstützung züchten nur noch Grosskonzerne

Die SchweizerInnen lieben alte Gemüse. Doch eine ökologische Landwirtschaft braucht robuste neue Sorten. Früher sah der Bund die Züchtung als öffentliche Aufgabe – heute ist er knausrig.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Welches Rüebli ist so süss, dass sich das Weiterzüchten lohnt? Noémi Uehlinger von der Biozüchtungsfirma Sativa im Zürcher Dorf Rheinau testet den Zuckergehalt mit dem Refraktometer.

Schön sehen sie aus. Als hätte sie jemand extra fürs Foto arrangiert: angeschnittene Rüebli in verschiedenen Grössen, aussen violett, innen leuchtend orange, hellgelb oder fast weiss. «Das ist Gniff, eine alte Tessiner Sorte», sagt Noémi Uehlinger. «Ursprünglich ist sie innen ganz weiss, aber wir haben sie mit einer orangen Sorte gekreuzt. Wir werden nun beides machen: einerseits die alte Sorte erhalten, aber sie auch weiterzüchten, damit sie den Anforderungen des modernen Gemüsebaus entspricht.»

Neue Gemüsesorten entwickeln: Das ist Noémi Uehlingers Job. Eine langwierige Aufgabe – von der ersten Kreuzung bis zur fertigen Sorte dauert es oft zehn Jahre. Die Agronomin arbeitet für Sativa Rheinau, eine Biozüchtungsfirma im Zürcher Weinland. Sativa ist einzigartig: das letzte KMU in der Schweiz, das Gemüse züchtet. Das macht sonst nur noch Syngenta.

Aus dem Rüebliberg im Gewächshaus wird nun ausgewählt: Die ZüchterInnen suchen die schönsten und feinsten Exemplare für die Weiterzüchtung. Um den Geschmack zu testen, raffelt Uehlinger ein Stück Rüebli in einen Teefilter, presst ihn aus und füllt den Saft in das Refraktometer: das gleiche Gerät, mit dem WinzerInnen den Öchslegrad ihrer Trauben bestimmen. Die süssesten Rüebli kommen in die engere Auswahl und werden auf weitere Geschmacksnoten getestet.

Blütenstaub kennt keine Grenzen

Rheinau liegt ganz am Rand der Schweiz. Der Rhein fliesst hier in einer grossen Schlaufe um eine malerische Halbinsel, drüben ist Deutschland. Für Sativa ein Grund unter vielen, sich zusammen mit deutschen AktivistInnen gegen Gentechnik einzusetzen: Blütenstaub kennt keine Grenzen. Seit der Firmengründung 1998 hat Sativa sieben neue Gemüsesorten bis zur Marktreife entwickelt: Zuckermais, Tomaten, Auberginen und Rüebli. Der Betrieb züchtet nicht nur, er vermehrt und verkauft auch eine enorme Vielfalt an Gemüse-, Kräuter-, Getreide- und Blumensaatgut, alles in Bioqualität: kleine Briefchen an Hobbygärtner, stattliche Säcke an Landwirtinnen. «Schönes Märzwetter spüren wir immer», sagt Geschäftsführer Amadeus Zschunke. «Sofort nehmen die Bestellungen zu.»

Das ursprüngliche, innen weisse Gniff-Rüebli verkauft Sativa mit dem Label der Erhaltungsorganisation Pro Specie Rara. Die Neuzüchtung auf Gniff-Basis wird das Label nicht haben. Sie kommt, wenn sie sich gut entwickelt, in einigen Jahren in den Handel – und wird sich bei den HobbygärtnerInnen vermutlich schlechter verkaufen, obwohl viel mehr Arbeit drinsteckt. Denn die SchweizerInnen sind ein Volk von Pro-Specie-Rara-Fans. «Wenn eine Sorte das Label hat, steigt der Verkauf um das Zehn- bis Hundertfache», sagt Zschunke. Grundsätzlich ist das erfreulich – Sortenerhaltung ist global eine enorm wichtige Aufgabe, und die Schweiz hat für sogenannte Nischensorten eine vorbildlich offene Regelung. Aber die Begeisterung hat eine Kehrseite: «Züchtung wird, wenn überhaupt, eher als Verbrechen wahrgenommen», sagt Zschunke. «Ja, man denkt sofort an Labors und Genmanipulation», stimmt Noémi Uehlinger zu.

Dabei ist Züchtung für die Landwirtschaft – und damit für die Ernährung – lebenswichtig. Pilzkrankheiten entwickeln sich dauernd weiter, das Klima wird wärmer und instabiler, mit der Globalisierung breiten sich gefrässige Insekten aus. Viele alte Sorten sind anfällig und deshalb für den Biolandbau ungeeignet, oder sie liefern schlicht nur sehr tiefe Erträge. «Die Bevölkerung will eine vielfältige Landwirtschaft, auch im Hügel- und Berggebiet», sagt Amadeus Zschunke. «Dafür braucht es an die Regionen angepasste Sorten. Solche züchten die Grosskonzerne nicht.» Aber warum braucht es spezielle Biozüchtung? Noémi Uehlinger erklärt: «Das System Bio stellt ganz andere Anforderungen an die Pflanze. Im Frühling sind viel weniger Nährstoffe verfügbar, weil kein Kunstdünger eingesetzt wird. Bio braucht Sorten, die mit Schädlingen, Krankheiten und Unkraut umgehen können. Und stabile Erträge sind wichtiger als Höchsterträge.»

Alles gleichzeitig reif

In einem andere Gewächshaus der Sativa sieht es aus wie in einer Kinderkrippe: Weisse Babymoskitonetze, verziert mit Bommeln, hängen von der Decke. In jedem Netz wachsen zwei Broccoli- und zwei Chinakohlpflanzen, in einem Stadium, das man im Gemüseregal nie sieht: Sie haben zarte gelbe Blüten. Die Moskitonetze verhindern, dass Insekten Pollen davontragen. So kreuzt sich jede Pflanze nur mit ihrer Partnerin.

Die Broccoli sind eine Knacknuss: «In der Schweiz sind die Anforderungen ans Aussehen von Früchten und Gemüsen enorm hoch», sagt Uehlinger. «Der Markt wird von zwei Grossverteilern dominiert, und an diesen Standard sind alle gewohnt.» Auch viele Biogemüsebetriebe greifen zum Hybridsaatgut grosser Saatgutkonzerne wie Syngenta. Hybrid, das heisst: Die Pflanzen sind besonders schön und homogen, aber nur für eine Generation. Ihre Samen sind unbrauchbar – das zwingt GärtnerInnen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. Sogenannte CMS-Hybriden sind sogar völlig steril und bilden gar keine Samen mehr. Sativa vertreibt keine Hybriden, sondern nur «nachbaufähiges» Saatgut.

Es geht nicht nur um das Aussehen: Grosse Gemüsebetriebe sind heute dermassen durchrationalisiert, dass sie ein Feld in einem einzigen Durchgang abernten. Darum muss alles Gemüse gleichzeitig reif sein. «Das haben wir zum Beispiel beim Zuckermais nicht erreicht», sagt Amadeus Zschunke. «Bauern, die direkt vermarkten, sind hingegen ganz froh, wenn sie über mehrere Wochen ernten können.» So liegen inzwischen auch in der Biobranche Welten zwischen den Betrieben.

«Bio lässt sich nur weiterentwickeln, wenn wir gute Sorten haben», betont Zschunke. «Züchtung ist ein Instrument mit einem gewaltigen Hebel. Die Wertschöpfung, die aus einer guten Sorte entstehen kann, ist gross.» Doch die Finanzierung ist ein Problem. Zwar ist im Saatgutpreis eine Lizenzgebühr enthalten, die an die ZüchterInnen zurückfliesst. Trotzdem kann sich Sativa nur zur Hälfte selbst finanzieren, die andere Hälfte muss die Firma in Form von Spenden und Stiftungsgeldern auftreiben.

Noch tiefer ist die Eigenfinanzierung beim einzigen Schweizer Biogetreidezüchtungs-KMU, der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) in Feldbach am Zürichsee. Denn im Gegensatz zu Sativa züchtet sie nur und betreibt keinen Handel, ist also noch stärker auf Spenden angewiesen. «Niemand kann heute von der Biozüchtung leben», sagt Firmengründer Peter Kunz. «Und auch viele kleine konventionelle Züchtungsfirmen laufen am Rand. Immer wieder wird eine von einem Grosskonzern aufgekauft.»

Züchtung sei im Interesse der Allgemeinheit, sagt Kunz. «Aber heute wird sie leider als Business betrachtet. Das schadet der Vielfalt der Kulturpflanzen: Ein Züchter, der überleben will, muss eine Sorte auf Kosten aller anderen pushen. So muss man sich nicht wundern, wenn es in ein paar Jahren nur noch wenige Sorten und nur noch zwei grosse Saatgutkonzerne gibt.»

Pflanzenzüchtung als öffentliche Aufgabe: Das sah man auch in der Schweiz einmal so. Die staatlichen Forschungsanstalten (heute Agroscope) waren international renommiert für ihre Futterpflanzen, ihr Obst und ihr Getreide. Doch in den letzten dreissig Jahren wurde das Budget mehrmals zusammengestrichen: Die Schweiz gibt heute nur noch vier Millionen Franken öffentliche Gelder für die Pflanzenzüchtung aus. In Deutschland ist es pro EinwohnerIn doppelt so viel. Peter Kunz hat in den letzten fünfzehn Jahren schon drei vollständige, ehemals staatliche Züchtungsprogramme übernommen und weitergeführt, die bei Agroscope dem Spareifer zum Opfer fielen. «Die Züchtung war in der Schweiz einmal richtig gut aufgestellt, heute ist sie desolat», fasst er zusammen.

Teure Gentechnik

Eine, die das ändern will, ist die grüne Baselbieter Nationalrätin Maya Graf. Mit mehreren Vorstössen hat sie gefordert, die Pflanzenzüchtung und die Biozüchtung im Speziellen besser zu fördern. «Vier Millionen sind viel zu wenig», sagt sie. «Damit kann man nicht einmal das wenige aufrechterhalten, was man heute noch macht.»

Als Antwort auf Grafs Vorstösse hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) die «Strategie Pflanzenzüchtung 2050» initiiert. Der Bericht, der im Dezember veröffentlicht wurde, gibt einen guten Überblick über die heutige Situation, bleibt beim Vorgehen und den Zielen jedoch vage. Maya Graf vermisst vor allem einen klaren Fokus auf ökologische Züchtung. Und Peter Kunz, der zusammen mit anderen Züchtern und Landwirtschaftsexpertinnen am Bericht mitgearbeitet hat, kritisiert: «Das Projektteam wollte konkrete Massnahmen vorschlagen, aber die Oberleitung des BLW strich unsere Vorschläge wieder.» Peter Latus vom BLW sieht es anders: Bei den wichtigen Fragen habe sich das Projektteam durchsetzen können.

Noch etwas will Peter Kunz dringend ändern: die staatliche Zulassungsprüfung, die alle Sorten bestehen müssen, um in den Handel zu kommen. «Wir sollten die Gesamtökosystemleistung stärker im Blick haben, nicht immer nur den Ertrag. Zu meinen Zuchtzielen gehört auch, dass eine Weizensorte einen guten Strohertrag für die Tierhaltung liefert. Oder dass eine Sonnenblume für Bienen interessant ist.» Mangelnde Ertragsleistung ist der Grund, warum eine Triticalesorte – eine Weizen-Roggen-Kreuzung – der GZPK Probleme in der Prüfung hat: «Sie ist zehn Tage früher reif als die üblichen – ein Vorteil, der mit zunehmender Sommertrockenheit immer wichtiger wird. Aber das BLW gewichtet ihn zu wenig. Genauso wenig wurde beachtet, dass die Sorte unter Biobedingungen viel besser abschneidet als unter konventionellen.»

Die Schweiz spart bei der praktischen Züchtung – gleichzeitig finanziert sie immer wieder teure Gentechnikversuche, obwohl die Bevölkerung Gentechnik ablehnt. Allein der Betrieb der hoch gesicherten «Protected Site» bei Agroscope Reckenholz am Zürcher Stadtrand kostet 750 000 Franken pro Jahr. Wie viel die Versuche im Ganzen kosten, weiss niemand: Die Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz hat dazu gerade eine Anfrage eingereicht.

Gut möglich, dass die Schweiz bald wieder etwas mehr Geld für Züchtung ausgibt: An der ETH Zürich entsteht eine neue Professur für «molekulare Pflanzenzüchtung», mitfinanziert vom BLW. «Agroscope hatte Einsitz in der Auswahlkommission und konnte die praktischen Anliegen der Pflanzenzüchtung einbringen», sagt Peter Latus vom BLW. Getreidezüchter Peter Kunz ist trotzdem skeptisch: «Die ETH kann sich mit praxisorientierten Projekten wenig Prestige holen. Dazu kann man keine tollen Papers in renommierten Zeitschriften schreiben. Und davon lebt die ETH – sie lebt vom Papier, wir leben von Sorten, die sich in der Praxis bewähren. Unsere Produkte sind zu verschieden.»

Gefahr für die Züchtung

Schädliche Patente

Seit Menschen Pflanzen kultivieren, züchten sie: Sie wählen Pflanzen aus, die besonders schön und schmackhaft sind, Trockenheit oder Kälte gut vertragen. Ist dieser Prozess patentierbar? Oder die Pflanzen, die dabei entstehen? Darüber tobt ein Streit in ganz Europa. Das Europäische Patentamt – keine EU-Institution, auch die Schweiz ist dabei – hat letztes Jahr ein Patent auf eine Broccolisorte der britischen Firma Plant Bioscience bestätigt. «Gesamthaft hat das Patentamt schon rund 120 Patente auf nicht gentechnisch veränderte Nutzpflanzen erteilt, und weitere 1000 sind in der Warteschlaufe», sagt François Meienberg von der Erklärung von Bern. Wer mit einer patentierten Pflanze weiterzüchtet, muss dem Patentinhaber Lizenzgebühren zahlen – oder riskiert eine Klage.

Doch die Sache ist perfid: Es gibt kein verbindliches Verzeichnis der Pflanzensorten, die unter den Schutz eines angemeldeten oder bereits erteilten Patents fallen, nur eine freiwillige Liste. ZüchterInnen riskieren also, mit patentiertem Material zu arbeiten, ohne es zu wollen. Genau das ist der Biozüchtungsfirma Sativa passiert: «Wir haben in eine Zwiebel drei Sorten eingekreuzt und erst hinterher erfahren, dass eine davon patentiert ist», sagt Züchterin Noémi Uehlinger. Nun ist die neue Sorte fast fertig, und die ZüchterInnen überlegen sich, ob sie sie zurückziehen oder eine Klage in Kauf nehmen sollen. Getreidezüchter Peter Kunz hat das gleiche Problem mit einer Sonnenblume: «Es ist unklar, wie weit das Syngenta-Patent reicht. Unser bester Schutz ist, dass es bei uns nichts zu holen gibt.»

François Meienberg hofft, dass sich die Patentpraxis wieder ändert. Denn nicht nur LandwirtInnen und NGOs, auch viele Staaten lehnen sie ab – und die kleinen und mittleren Züchtungsfirmen, vor allem in den Niederlanden ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor. «Die Einzigen, die profitieren, sind Konzerne wie Syngenta, Monsanto und Dupont», sagt Meienberg. Diese drei Konzerne teilen mehr als die Hälfte des Weltmarkts für Saatgut unter sich auf. «Unsere Forderungen sind klar: Keine Patente auf konventionelle, ohne Gentechnik gezüchtete Pflanzen. Und keine Patente auf natürliche Eigenschaften, die auch in Wildsorten vorkommen.»

Bettina Dyttrich

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