Nr. 13/2016 vom 31.03.2016

Grundsäulen der Moral

Von Michael Saager

Frans de Waal, 1948 in den Niederlanden geboren und einer der berühmtesten Primatenforscher der Welt, verfolgt in seinem neuen Buch «Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote» erneut seinen sogenannten Bottom-up-Ansatz: Der führt von «unten» nach «oben» – von den Ursprüngen zur soziokulturellen Ausdifferenzierung. De Waals Kernthese lautet: Moralität ist nicht über die Verordnung einer Gottheit in die Welt gekommen, sondern kommt von unten beziehungsweise von innen. Sie steckt bereits in den prosozialen tierischen Verhaltensdispositionen und äussert sich hier in Verhaltensweisen, die wir Menschen moralisch nennen.

De Waal arbeitet gern beispielhaft, tierische Dramen und Liebesgeschichten schätzt er besonders. Eine seiner liebsten ProtagonistInnen ist die Schimpansin Daisy, die sich rührend um ihren todkranken Artgenossen Amos kümmert, indem sie ihm etwa ein Kissen aus ihrem Lieblingsstroh zurechtlegt, an das er sich anlehnen kann. Das sei nicht einfach nur nett, meint de Waal, sondern ein Akt von Empathie im Sinn der Perspektivenübernahme. Zusammen mit der Fairness, einem Grundgefühl dafür, was richtig ist und was falsch, das de Waal ebenfalls bei den Menschenaffen ausmacht, habe man so die zwei tragenden Säulen des komplexen Regelsystems Moral beisammen. Sogar Verhaltensweisen, die auf ein ziemlich kompliziertes moralisch-soziales Gefühl wie Scham schliessen lassen, macht de Waal bei den Primaten aus. Womit der biblische Sündenfall seinen Rang als Präzedenzfall der Scham loswürde.

Moral sei sehr viel älter als Religion, meint de Waal. Damit könnte er sogar recht haben – sofern man den Moralbegriff niedrig genug hängt. Trotzdem sind ihm radikale NeoatheistInnen wie Richard Dawkins, der als Evolutionsbiologe ebenfalls populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht, ein Dorn im Auge. Immerhin, so de Waal, böte Religion einen sinnvollen Überbau für moralisches Verhalten. Das Bedürfnis nach Spiritualität sei universell und schon deshalb nicht zu ignorieren. Manchmal plappert der Primatenforscher in seinem neuen Buch auch etwas weitschweifig daher.

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