Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Wenn eintritt, was nicht sein darf

Von Rahel Locher

26. April 1986: Nach der Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl finden die Maschinisten unter der Überschrift «Bedienungsvorschriften bei einer Kernschmelze» nur geschwärzte Absätze. Eingetreten ist, was nicht sein darf und was auch im Nachgang von den Machthabenden verschwiegen, verleugnet, verharmlost wird. Dies zeigen die Erfahrungen der Figuren in «Alles Stehende verdampft», Darragh McKeons literarischer Verarbeitung des Super-GAUs in der ehemaligen Sowjetunion.

Der Arzt Grigori reist aus Moskau in die Gegend um Tschernobyl und kämpft bald gegen die Untätigkeit der Verantwortlichen. Er sieht sich mit einer bäuerlichen Bevölkerung konfrontiert, die niemand über die Gefahr der Strahlung aufgeklärt hat. Menschen betreten die Sperrzone, ernten auf den Feldern der Evakuierten und nehmen deren Vorräte mit: «Das Futter wird in Säcken gelagert – wie kann das kontaminiert sein?» Grigori bemüht sich um Aufklärung und fordert eine weitere Gebietsräumung, doch damit scheitert er in der Parteizentrale.

In einer Klinik operiert er Kinder an den Schilddrüsen und trifft dabei auf Artjom, der nur zehn Kilometer vom Kraftwerk entfernt wohnte. Die Familie des Jungen wurde evakuiert, jedoch ohne den Vater. Dieser half, die Waldgebiete um Tschernobyl zu roden. Erst als sein Vater an den Folgen der Aufräumarbeiten gestorben ist, erfährt Artjom Details von seiner Mutter: wie die Männer die Bäume zuerst mit Kettensägen fällten und dann, als diese nicht mehr ansprangen, mit Äxten. Wie sie tranken, um die Rückenschmerzen zu betäuben – und weil ihnen erzählt worden war, Wodka helfe gegen die Strahlung.

In einer sorgfältigen, ausdrucksstarken Sprache macht der Ire Darragh McKeon die Beklemmung und die Unfassbarkeit des atomaren Unfalls wie auch die Ohnmacht der Überlebenden deutlich spürbar – eine Ohnmacht, die durch das damalige Verhalten der Behörden verschärft wurde. Aber auch ein umsichtiger staatlicher Umgang könnte das Chaos und die Zerstörung nach einer Atomkatastrophe nicht aufhalten.

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