Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

«Die Zeiten, in denen ein Bauer nur am ‹Chrampfen› war, sind vorbei»

Bauern und Bäuerinnen werden künftig statt auf dem Feld vor dem Computer stehen, um Roboter das Unkraut rupfen zu lassen. Davon ist Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau, überzeugt.

Interview: Franziska Meister

Autonom pflügen, eggen, säen – und irgendwann ernten: Können Roboter wie die multifunktionale Plattform BoniRob helfen, die klassische Biolandwirtschaft produktiver zu machen? Foto: Hochschule Osnabrück

WOZ: Herr Niggli, Sie gelten als Architekt von «Bio 3.0». Wie kommen Sie darauf, Biolandwirtschaft weltweit zum Modell machen zu wollen?
Urs Niggli: Die klassische Biolandwirtschaft hat gegenüber der konventionellen Landwirtschaft viele ökologische und soziale Vorteile – aber sie muss produktiver werden. Das bedeutet, dass die Bauern die Funktionen des Ökosystems, also die Bodenfruchtbarkeit, die Biodiversität und anderes, nutzen, um produktiver zu werden. Ich bin wegen «Bio 3.0» auch schon als Wachstumsheini bezeichnet worden. Aber die Frage ist doch die: Soll Bio eine kleine Marktnische mit hohem Standard sein für jene, die es sich leisten können, oder wollen wir die Landwirtschaft als Ganzes auf einen ökologischen Entwicklungspfad bringen?

Müsste man diese Frage nicht erst einmal im eigenen Land angehen, bevor man die ganze Welt ins Visier nimmt?
Natürlich, so hat es angefangen: mit einer grossen Ernüchterung. Der Biolandbau steht hierzulande bei jungen Bauern nicht hoch genug im Kurs. Deshalb stellen zu wenig Betriebsleiter um, und es müssen Biorohstoffe importiert werden. Mit dem Konzept «Bio 3.0» wollen wir den Biolandbau so weiterentwickeln, dass er für moderne Bauern attraktiv wird.

Was ist denn ein moderner Bauer?
Ein moderner Bauer will in die Ferien verreisen. Ein moderner Bauer hat eine Familie und kümmert sich auch um sie. Die Zeiten, in denen ein Bauer ständig am «Chrampfen» war und dafür sehr viel an Lebensqualität opferte – diese Zeiten sind vorbei.

Urs Niggli

Und wie wollen Sie diese Bauern überzeugen, auf Biolandbau umzusteigen?
Man muss den Hebel bei der Produktionstechnik ansetzen, zum Beispiel, indem man die viele Handarbeit, die in Biobetrieben anfällt, durch Mechanisierung vereinfacht.

«Bio 3.0» setzt auf Hightech und forschungsgetriebene Landwirtschaft. Was heisst das konkret?
Das umfasst alles rund um Precision Farming, also eine computergesteuerte und -optimierte Landwirtschaft. Man scannt die Landschaft eines Betriebs mit all ihren geländebedingten Unebenheiten in den Computer ein. Das funktioniert dann als Reissbrett für die Programmierung und Steuerung der Maschinen. Diese GPS-gesteuerten Geräte können so sehr unterschiedliche Felder präzis bewirtschaften. Beispielsweise mit Contour und Strip Farming, bei dem auf einem grossen Feld verschiedene Streifen entlang der Geländekonturen angelegt und mit verschiedenen Kulturen bepflanzt werden, zum Beispiel Klee, Weizen und Kartoffeln. Damit geht auch ein Fruchtfolgenwechsel einher. So werden Boden und Pflanzen optimal versorgt, und die Biodiversität und das Landschaftsbild bleiben erhalten.

Skizzieren Sie da gerade ein neues bäuerliches Berufsbild?
Ein völlig neues Berufsbild, mit einer neuen Ausbildung. Der Bauer wird lernen, mit dem Computer zu arbeiten, ihn so zu programmieren, dass er den Maschinen im Feld die entsprechenden Befehle gibt. Er wird die Daten überwachen. Das wird den Bauern gefallen, weil es sie von der reinen Feldarbeit entlastet. Da sehe ich eine sehr positive Entwicklung.

Ist das jetzt Science-Fiction, oder existiert dieser «Bauer 3.0» bereits?
Erste Pioniere, die sich an die Umsetzung wagen, gibt es bereits. Nicht weit von hier leben vier Biobauern, die ihre Betriebe gemeinsam bewirtschaften. Sie haben einen grossen, gänzlich technisierten Stall. Die Fütterung funktioniert vollumfänglich elektronisch. Wer für die Milch zuständig ist, überprüft laufend am Computer, wie viel eine Kuh frisst, wie gesund sie ist. Nimmt ihre Milchmenge ab, nimmt er sie beiseite und schaut sie sich genauer an. Ein anderer kümmert sich derweil um den Ackerbau, der dritte ist für den Obstbau zuständig und der vierte für die Vermarktung. Das sind die entspanntesten Bauern, die ich kenne! Einfach, weil sie die Verantwortung gemeinsam tragen und genug Zeit haben, sich untereinander auszutauschen.

Was Sie beschreiben, ist lokale, kleinräumige Biolandwirtschaft. Funktioniert das auch für Grossbetriebe, für riesige Agrarflächen in andern Teilen der Welt?
Unbedingt. Mit den Methoden des Precision Farming und neuen, sensorgesteuerten Geräten lassen sich auf konventionellen Betrieben massiv Dünger und Pestizide einsparen. Diese Technik kann aber auch die mechanische Unkrautarbeit und das Ausbringen von Mist und Kompost auf Biobetrieben verbessern. Bis in ein paar Jahren wird man so weit sein, dass selbstfahrende Roboter, die mit Kamera und GPS ausgerüstet sind, ganz gezielt Unkräuter zwischen Maispflanzen und Salatköpfen auszupfen.

Wird man so auf Pestizide verzichten können?
Nein. Deshalb haben wir unsere Forschung zum biologischen Pflanzenschutz am Forschungsinstitut für biologischen Landbau auch ausgebaut. Wir haben Tausende von Extrakten aus Wildpflanzen untersucht und konnten mittlerweile mehrere, bisher unbekannte Wirkstoffe mit sehr guter fungizider Wirkung isolieren. Die müssen wir noch in eine Form bringen, die wir im Feld einsetzen können. Grosses Potenzial sehen wir auch bei der biologischen Schädlingsbekämpfung, gerade im tiermedizinischen Bereich, wo bislang auch Biobetriebe mit Chemie arbeiten müssen, damit die Tiere nicht leiden. Aktuell steckt ein von uns entwickeltes Entwurmungsmittel, das auf einem Pilz basiert, im Zulassungsverfahren. Es sollte innerhalb der nächsten drei Jahre als Futterzusatz von der EU zugelassen werden.

Da haben bestimmt schon die grossen Agrokonzerne an Ihre Tür geklopft?
Das ist in der Tat ein Problem. Solche Präparate werden in Zukunft auch für grosse Konzerne interessant. Wir wollen aber die Kontrolle nicht abgeben, um den Bauern uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen. Deshalb überlegen wir uns, den Wirkstoff patentieren zu lassen, um Zeit zu gewinnen. Aber Patente sind umstritten. Wer soll daraus Profit schlagen dürfen, wem sollen sie dienen? Wir werden hier mit gewaltigen ethischen Fragen konfrontiert.

Wie wollen Sie den Agrokonzernen langfristig die Stirn bieten?
Hier kommt das Verursacherprinzip ins Spiel, zum Beispiel mit Pestizidsteuern. Die will in der Schweiz auch das Bundesamt für Landwirtschaft im Rahmen des nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz prüfen. In diesem Bereich sind strategische Allianzen entscheidend, auch auf internationaler Ebene. Denn wenn man Pestizidsteuern einführt, profitiert davon nicht nur die Umwelt, sondern letztlich auch die konventionellen Betriebe. Weil es für sie so plötzlich attraktiv wird, auf moderne Methoden des Precision Farming umzustellen. Und vielleicht entdeckt die Industrie dann plötzlich, dass sich ihnen mit der Entwicklung biologischer Pestizide und Tiermedikamente und mit moderner Landtechnik eine echte Alternative eröffnet?

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