Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Aus Täterfamilien

Sacha Batthyany und Naomi Schenck spüren in ihren neuen Büchern dem Leben ihrer Grosseltern nach. Die Frage «Was hat das mit mir zu tun?» steht dabei im Vordergrund.

Von Eva Pfister

Für Bücher wie die von Naomi Schenck und Sacha Batthyany fehlt im Deutschen ein Wort. Es sind keine Romane, aber auch keine Sachbücher im strengen Sinn. In den USA kennt man den Begriff «memoir», der den persönlichen Zugang zu einem Thema kennzeichnet, ohne dass solche Werke wirkliche Autobiografien sind. Das trifft bei Schenck und Batthyany zu. Sie recherchierten intensiv über ihre Grosseltern, berichten durchaus unterhaltsam davon und reflektieren dabei ausgiebig, wie es ihnen dabei ergeht.

Batthyanys Buch verrät schon im Titel die Zielrichtung: «Und was hat das mit mir zu tun?» Dass er ein Täterenkel sein könnte, kam ihm früher nicht in den Sinn. Seine Grosseltern väterlicherseits gehörten dem ungarischen Adel an und wurden nach dem Krieg enteignet. Sein Grossvater war zehn Jahre lang in sowjetischen Lagern, darüber wurde in der Familie oft gesprochen, und man war sich einig, dass der Kommunismus des Teufels ist. Nach dem Aufstand 1956 verliessen die Grosseltern Ungarn und fanden Zuflucht in der Schweiz. Denn hier wohnte «Tante Margit», eine reiche Thyssen-Erbin, die ihrem Schwager und seiner Ehefrau gerne weiterhalf.

Nazis waren die anderen

Sacha Batthyany, Jahrgang 1973, wuchs in der Schweiz auf und wurde Journalist. Als ihm eine Kollegin eines Tages eine Zeitung auf den Tisch legte mit dem Kommentar «Was hast du denn für eine Familie?», erkannte er auf dem Foto sofort seine Grosstante Margit. Warum sie aber eine «Gastgeberin der Hölle» – so die Schlagzeile – sein sollte, war ihm zunächst ein Rätsel. Margit Thyssen-Batthyany feierte im März 1945 auf ihrem Schloss im österreichischen Rechnitz ein Fest, das kurz gestört wurde, als man Freiwillige suchte – zur Erschiessung von 180 jüdischen Zwangsarbeitern, die krank und erschöpft, also nicht mehr «einsatzfähig» waren. Rechnitz wurde zu einem Symbol für verdrängte Vergangenheit. Die Haupttäter wurden nie verurteilt, sie entkamen wohl nach Südamerika, wahrscheinlich mithilfe von «Tante Margit». Besonders bedrückend ist, dass die menschlichen Überreste der 180 Ermordeten nie gefunden wurden.

Solch grauenvolle Entdeckungen standen der 1970 geborenen Autorin und Szenenbildnerin Naomi Schenck nicht bevor, als sie begann, eine Biografie ihres Grossvaters zu schreiben. Günther Otto Schenck war ein deutscher Chemiker, er studierte in Heidelberg, arbeitete in Halle und Göttingen und leitete zuletzt das Max-Planck-Institut für Strahlenchemie in Mülheim an der Ruhr, wo er 2003 starb. Dass er Mitglied der NSDAP gewesen war, wusste Naomi Schenck, es wurde in der Familie akzeptiert als notwendiger Kompromiss, damit der «grosse Wissenschaftler» seine Karriere fortsetzen konnte.

Dennoch war sie schockiert, als sie entdeckte, in welchem Ausmass Günther Schenck und seine Kommilitonen sich auf das Naziregime eingelassen hatten. Und wie locker sie das noch siebzig Jahre später wegwischten. Als sie einem ehemaligen Studienkollegen ihres Grossvaters ein Foto der damaligen Freunde in SA-Uniform präsentierte, wiegelte der hundertjährige Gesprächspartner ab: Aber das musste man doch, sonst hätte man nicht weiterstudieren können. Deswegen war man doch kein Nazi! Erschreckend an Schencks Buch «Mein Grossvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12» (der Titel bezieht sich auf einen Traum der Autorin) ist nicht nur, dass von der alten Generation niemand ein Wort der Reue äussert, sondern dass dieses Denken durch die Generationen geht. Obwohl Schenck bereits 1933 Mitglied der SA wurde und 1937 in die NSDAP eintrat, halten ihn alle in der Familie für einen unpolitischen Menschen. Nazis waren die andern.

Naomi Schenck denkt intensiv über moralische Probleme nach, aber sie verurteilt nicht. Manchmal ist sie entsetzt, aber manchmal schämt sie sich ihrer Familie gegenüber, weil sie so intensiv in den dunklen Teilen der Vergangenheit stochert. Es sind Aussenstehende, die sie darauf aufmerksam machen, dass auch sie vielleicht ihren Grossvater entschuldigen will. Ein US-Amerikaner deutscher Abstammung wischt ihren Einwand, dass das Anklagen nicht ihre Sache sei, wütend weg: «Ja, wessen denn dann? Ist es nicht sogar Ihre Pflicht? (…) Vielleicht verteidigen Sie ihn ja, weil Sie spüren, dass er verteidigt werden muss. Weil da etwas ist, was nicht so ganz in Ordnung war. Sagen Sie doch einfach: Da hat der moralische Kompass versagt.»

«Null Fiktion», schwört der Autor

Der moralische Kompass hat auch in den Familien Batthyany und Esterhazy weitgehend versagt. Nachdem Sacha Batthyany 2009 im «Magazin» eine Reportage über seine Grosstante Margit veröffentlichte, wendet er sich nun der Geschichte seiner Grosseltern zu. Maritta Esterhazy wuchs im ungarischen Sarosd auf und hinterliess eine Mappe mit Texten, in denen sie sich mit der Zeit des «Dritten Reichs» auseinandersetzte. Kernszene ihrer Erinnerungen ist die Erschiessung des jüdischen Ehepaars Mandl, das den Schlossherrn, Marittas Vater, um Hilfe bat, als seine Kinder deportiert wurden. Er weigerte sich und schickte die beiden wieder an die Arbeit. Sie gingen nicht zurück, sondern liefen davon, da schoss ihnen ein deutscher Wehrmachtssoldat in den Rücken.

Sacha Batthyany fand die Spur der deportierten Tochter Agnes Mandl, die Auschwitz überlebt hatte, und besuchte sie in Argentinien. Dort wurde ihm im Kontakt mit den Töchtern von Agnes das erste Mal bewusst, dass er aus einer Täterfamilie kam, erzählte er im Gespräch: «Es gab sehr emotionale Momente, es gab auch Streit, und da hab ich gespürt: Ich bin auf der anderen Seite, ich bin einer aus dieser Familie.» In seinem Buch versucht er herauszufinden, wie sich die Vorgänge, die lange vor seiner Geburt stattfanden, auf ihn auswirkten.

«Und was hat das mit mir zu tun?» liest sich wie ein Roman. Das liegt nicht nur daran, dass das Buch spannend geschrieben ist, sondern auch an den unglaublichen Funden: Der Autor setzt Textpassagen aus Erinnerungen seiner Grossmutter neben solche von Agnes Mandl, in denen es um die Zeit in Sarosd geht. Zu viele Zufallsfunde, um wahr zu sein, denkt man, und fragt den Autor vorsichtig, wie gross denn der Anteil an Fiktion in dem Buch ist. «Null!», schwört Sacha Batthyany. Beide Frauen hätten tatsächlich ihre Erinnerungen aufgeschrieben, Agnes Mandl mithilfe eines Historikers in Argentinien, seine Grossmutter in ihren letzten Lebensjahren in Budapest. Sie fühlte sich lebenslang mitschuldig am Tod der Mandls. Maritta Batthyany-Esterhazy ist damit der einzige Mensch unter all den Tätern und Mitläuferinnen, die in den beiden Büchern vorkommen, der über einen moralischen Kompass verfügte.

Der Autor Sacha Batthyany liest in Solothurn am Fr, 6. Mai, und Sa, 7. Mai.

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