Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Schreiben als Akt der Solidarität

Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming nimmt in seinen Werken die Realität auf die Schippe, beruft sich im jüngsten Roman aber auch auf die Authentizität der Geschichte.

Von Johanna Lier

Es ist tatsächlich wahr: Wu Ming gibt es. Wenn auch wenige wissen, wer sie wirklich sind. Seit den neunziger Jahren schreibt das linke Autorenkollektiv aus Bologna Romane, betreibt einen Blog, macht Musik und verbreitet fiktionale Nachrichten, um die Realität auf die Schippe zu nehmen. Das Team schreibt historische Fantasyromane, greift ausufernd auf Referenzen aus der Mottenkiste westlicher Popkultur zurück.

Nannte sich das Kollektiv anfangs Luther Blissett (der Name eines in Italien erfolglosen britischen Fussballspielers), wechselte es später zum Namen Wu Ming, was auf Mandarin je nach Betonung «fünf Namen» oder «ohne Namen» heisst. Fünf Autoren sind es, deren Namen bekannt sind, die sich jedoch nicht fotografieren oder filmen lassen, da sie sich dem autoritären Geniekult verweigern und das Schreiben und die Produktion von Kunst als gemeinschaftlichen, solidarischen Akt verstehen. So wird das, was man das politische Programm der Gruppe nennen könnte, nämlich soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaftssinn, zur künstlerischen Strategie.

Das wohl bekannteste Werk ist der Roman «54» (2002, jetzt auf Deutsch erschienen), der von der allgegenwärtigen Gewalt während des Kalten Kriegs erzählt. Es gebe keine Nachkriegszeit, bemerken die Autoren und sprechen vom bewaffneten Arm des Gelds und davon, dass man die Feinde von heute bekämpfe, indem man diejenigen von morgen füttere. Wahrlich wahr, wenn man an die Ursachen heutiger Kriege denkt – doch Wu Ming weiten die Kampfzone aus in interplanetarische Bereiche. Alles ein Spiel? Mitnichten! Die politische Realität, die Wu Ming als postdemokratisch bezeichnen, da über wesentliche Dinge gar nicht mehr diskutiert werde und die berlusconische Medien-Fata-Morgana und der Kapitalismus den Alltag beherrschten, ist der Humus ihrer Kunst.

Gerade ist in Italien der historische Roman «Razza Partigiana» erschienen, der vom einzigen afroitalienischen Partisanen Carlo Abbamagal (Mutter aus Somalia, Vater aus Italien) erzählt, der gegen die deutschen Besatzer gekämpft hatte. Die Autoren wollen damit offensichtlich aktuelle Assoziationen wecken zur europäischen Flüchtlings- und Austeritätspolitik. Zum Roman gehören Originaldokumente, die auf der Website von Wu Ming veröffentlicht worden sind, da sie auf der Authentizität ihrer ProtagonistInnen bestehen, sowie eine Sprachperformance.

Das Kollektiv tritt in Solothurn auf am Fr, 6. Mai 2016, um 20.30 Uhr, am Sa, 7. Mai 2016, um 14 Uhr und am Sa, 7. Mai 2016, um 18 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch