Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Die Giftspritzer aus Basel

Gewerkschaftsfeindliche Firmenpolitik, brutale Gewalt und Pestizide, die Landarbeiterinnen und Anwohner schädigen: Die konzernkritische Gruppe Multiwatch erhebt in einem Schwarzbuch schwere Vorwürfe gegen den Basler Agrokonzern Syngenta.

Von Daniel Stern

«Schande!»: Internationaler Protest gegen Syngenta auf Kauai/Hawaii. Foto: Pan Nordamerika

Wenn in den hiesigen Medien über den Basler Agrokonzern Syngenta berichtet wird, dann zumeist aus Sicht der AktionärInnen. So werden der Umsatz- und Gewinneinbruch im letzten Jahr beklagt, die Gründe für die gescheiterte Fusion mit dem Konkurrenten Monsanto analysiert und aktuell die angekündigte Übernahme durch den chinesischen Konzern Chem China diskutiert. Im Vordergrund steht die Frage nach künftigen Profiten und allenfalls noch, ob Schweizer Arbeitsplätze in Gefahr sind. Grundsätzlichere Fragen bleiben meist ausgespart.

Eine ganz andere Perspektive nimmt die Organisation Multiwatch mit ihrem «Schwarzbuch Syngenta» ein, das dieser Tage veröffentlicht wird. Multiwatch geht darin nicht nur auf den Basler Konzern ein, sondern beleuchtet generell die Welt der industriellen Landwirtschaft. Mit grossem Kapitalaufwand werden auf immer mehr Ackerflächen leicht handelbare und standardisierte Massengüter wie Mais, Weizen und Soja für den Weltmarkt produziert. Weltweit tätige Firmen liefern dafür das (oft genetisch veränderte) Saatgut sowie die passenden Dünger und Pestizide. Nicht nur die Produktion, auch den Handel und Vertrieb dieser Massengüter kontrollieren wenige grosse Konzerne; diese nehmen auch auf die nationale und internationale Gesetzgebung Einfluss, etwa im Umwelt-, Patent- und Handelsrecht.

Syngenta gehört in der industriellen Landwirtschaft weltweit zu der Handvoll Grosskonzerne, die das Geschäft mit Pestiziden und Saatgut dominieren. Im Bereich der Pestizide, also der Giftmittel gegen sogenannte Unkräuter, Pilze und tierische Schädlinge, ist Syngenta gar Marktführerin. Dabei profitiert der Konzern davon, dass weltweit immer mehr Pestizide eingesetzt werden, gerade weil Landwirtschaft zunehmend industriell betrieben wird. Syngenta bietet dabei Gesamtlösungen an: leistungsstarkes Saatgut und darauf abgestimmte Pestizide ebenso wie vermehrt internetbasierte Beratung.

Machtpoker auf Hawaii

Syngenta verfügt, wie auch andere Agrofirmen, auf der hawaiianischen Insel Kauai über ausgedehnte Testfelder, auf denen sie gentechnisch veränderte Mais- und Sojasorten auspflanzt. Die wachsenden Pflanzen werden mit verschiedenen Pestiziden besprüht, um die Wirkung zu messen. Kauai ist als Standort für solche Versuche ideal – auf der Insel sind, klimatisch bedingt, drei bis vier Ernten pro Jahr möglich.

Nach Protesten der Bevölkerung gegen den ständigen Gifteinsatz, der für schwere Erkrankungen und Geburtsfehler verantwortlich gemacht wird, stimmte das Parlament von Kauai 2013 einem Gesetzesvorschlag zu, der eine Auskunftspflicht der Agrarunternehmen über versprühte Pestizide vorsieht. Ausserdem sollte das Sprühen in der Umgebung von Schulen und Spitälern verboten werden. Doch das Gesetz wurde nicht in Kraft gesetzt: Syngenta hatte zusammen mit vier weiteren Agrokonzernen erfolgreich dagegen geklagt. Jetzt wird ein Berufungsgericht entscheiden.

Multiwatch dokumentiert in seinem Schwarzbuch zahlreiche Fallbeispiele, darunter auch das Beispiel Kauai, die die Gefährlichkeit von Syngenta-Pestiziden belegen und darüber hinaus aufzeigen, wie sich die jeweilige lokale Bevölkerung dagegen wehrt. Zu Wort kommen auch Syngenta-Beschäftigte, etwa in Pakistan. Dort verfolgt Syngenta die Strategie, viele der Beschäftigten nur mit Temporärverträgen anzustellen. Die Kritik der Gewerkschaften an dieser Praxis quittierte der Konzern, indem er Angestellte entliess und AktivistInnen bekämpfte (siehe WOZ Nr. 41/2015).

Widmung an einen Ermordeten

Eine der Stärken des Schwarzbuchs ist es, dass sich die AutorInnen nicht darauf beschränken, die Verfehlungen von Syngenta zu dokumentieren, sondern auch unterschiedlichste AkteurInnen zu Wort kommen lassen, die weltweit gegen das System des Agroriesen kämpfen. Das Buch ist Valmir Mota de Oliveira, genannt Keno, gewidmet, einem vor neun Jahren ermordeten Aktivisten der brasilianischen Landlosenbewegung MST. Der MST hatte im Bundesstaat Paraná mehrmals ein Testgelände von Syngenta besetzt, auf dem mit Genmais experimentiert wurde. Nach der dritten Besetzung wurden die BesetzerInnen von Angehörigen einer Sicherheitsfirma überfallen, die von Syngenta angeheuert worden war. Der 34-jährige Keno wurde dabei erschossen.

So umfassend Multiwatch über Syngenta, den Agrokapitalismus und die Gegenstrategien von BäuerInnen berichtet – ein blinder Fleck bleibt: Das AutorInnenkollektiv schreibt an einer Stelle, dass «grundsätzliche Änderungen» im Konzern nötig seien. «Integrale und weltweite Verbote der hochgiftigen Absatzprodukte» würden das Geschäftsmodell von Syngenta und anderen Agrokonzernen «grundlegend beeinträchtigen, vielleicht sogar verunmöglichen». Das ist nachvollziehbar. Doch bleibt letztlich unbeantwortet, wie sich die AutorInnen eine andere Syngenta mit einem anderen Geschäftsmodell vorstellen – vor allem auch mit Blick auf die weltweit rund 29 000 Beschäftigten.

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