Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Was vom Schweigen übrig bleibt

Die Bruchstücke einer Nation als Mosaiksteine eines Romans: Yvonne Adhiambo Owuor erträumt sich ihre Heimat Kenia als Ort des Aufbruchs.

Von Anja Bengelstorff

Als die Kenianerin Yvonne Adhiambo Owuor 2003 Afrikas wichtigsten Literaturpreis gewann, wusste nur eine kleine Gruppe Bibliophiler, dass sie überhaupt schrieb. Die meisten dieser Eingeweihten waren kenianische FreundInnen der Autorin. Ihre preisgekrönte Kurzgeschichte «Weight of Whispers» (Das Gewicht von Geflüster) war ihre erste literarische Veröffentlichung. Sie handelt von einem aristokratischen Flüchtling aus Ruanda, der mit seiner Familie in Kenias Hauptstadt Nairobi Zuflucht sucht. Die Autorin stellt darin das Klischee des allzeit starken Mannes infrage, der nie scheitern darf, auch in Afrika nicht. Ihre Kurzgeschichte «The Knife Grinder’s Tale» (Die Geschichte des Messerschleifers) wurde als Kurzfilm adaptiert. 2014 bejubelte das englischsprachige Feuilleton ihren Debütroman «Dust» zu Recht einhellig. Nun erscheint im Dumont-Verlag unter dem Titel «Der Ort, an dem die Reise endet» eine weitgehend gelungene deutsche Übersetzung.

Unter den Teppich gekehrt

Eine gescheiterte Familie in der kenianischen Wüste, die aus ihrem Sterben und Leben einen Sinn zu ziehen versucht, steht im Zentrum des Romans. Sie bildet den roten Faden einer Handlung, die allerdings weit über eine reine Familiengeschichte hinausreicht. In ihrem Mittelpunkt agiert Kenia selbst als Nation, als ein mit Sinn und Identität zu füllendes Konstrukt. Und da ist zunächst Odidi, ein brillanter Student, Rugbystar, Mädchenschwarm und Geschichtenerfinder, der den Kamelen Wasserlieder vorsang. Er stirbt als Gangster in einem Hinterhalt der Polizei, nachdem seine vielversprechende Karriere als Ingenieur zu Ende ging, weil er angesichts staatlicher Korruption seinen Mund nicht halten wollte. Seine zerbrechliche kleine Schwester Ajany ist Künstlerin und kehrt nach Jahren aus Brasilien zurück, um ihren geliebten Bruder zu beerdigen. Sie beschliesst, ihn «zu finden», seinem Tod auf den Grund zu gehen. Ihr Vater Nyipir, der als Kind Gräber ausgehoben hatte, wurde später die rechte Hand eines britischen Kolonialoffiziers, der ihn gefoltert hatte, und noch später Viehdieb. Ihre mit einer Kalaschnikow bewaffnete Mutter Akai ignoriert die Tochter und droht am Tod des Sohnes zu verzweifeln. Und schliesslich ist da Hugh Bolton, der Sohn des Kolonialoffiziers. Er kommt nach Kenia, um seinen Vater zu suchen.

Es gibt keine Helden in diesem Roman, die über das Böse triumphieren. Die ProtagonistInnen sind allesamt gebrochene Charaktere. Ihre Geschichten bieten Fragmente der Geschichte Kenias an, die sich langsam zu einem Mosaik verdichten. Was bleibt? Diese Frage zieht sich durch das ganze Buch. Einfache Antworten gibt es nicht, denn, so der wahrscheinlich wichtigste Satz des Buchs: «Die Landessprachen Kenias sind Englisch, Suaheli und Schweigen.» Gewalt, Verbrechen, Ungerechtigkeiten und Konflikte werden in Kenia – wie auch anderswo – unter den Teppich gekehrt. Totgeschwiegen. Darauf richtet Owuor ihr Augenmerk. Sie schreibt in «Der Ort, an dem die Reise endet» von einer Nation, die «unter den kleinen Egos kaputter Männer schwelt, die Könige sein wollen, (…) wenn sechzehn kopflose Leichen eine Strassensperre auf einer Autobahn bilden und wenn Menschen Kugelschreiber als Waffen benutzen, um ihre Nachbarn zu beschuldigen – die niedergemetzelt und verbrannt werden – und ihren irdischen Besitz für sich beanspruchen.» In einem Interview sagte sie: «Ich möchte etwas über mein Land verstehen, ein Land, das seine besten Köpfe ermordet. Welche Nation kann sich derart vor visionärer Kraft fürchten?»

Dem Geheimnis auf den Grund gehen

Yvonne Adhiambo Owuor hat als Autorin keine Zeit für literarischen Small Talk zu verschwenden. Ihre Sätze sind präzise und dicht und fordern unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch macht sie keine Zugeständnisse an LeserInnen, die mit der Geschichte Kenias von der Unabhängigkeitsbewegung in den fünfziger Jahren bis zu den von Gewaltakten begleiteten Wahlen 2007 nicht allzu vertraut sind. Allerdings leistet ein Glossar am Ende des Buchs Erste Hilfe.

Die Autorin wechselt zwischen poetisch-impressionistischen Beschreibungen, wenn sie durch die harsche und trotz ihrer rauen Schönheit quälende Realität von Kenias Norden führt, und Stakkatosätzen zur Charakterisierung einer unbeliebten Lehrerin: «Mrs. Karai, Master of Education. Kalebassenförmig. Untersetzt. Streng. Eiskalt. Gelbbraune, dürre Beine.» Dazu kommen magisch-realistische Schilderungen: «Ihr Gesicht ist wie dafür gemacht, in unheimlichen Gewitternächten durch dunkle Scheiben zu spähen.»

Yvonne Adhiambo Owuor, deren zweiter Roman noch dieses Jahr in New York erscheinen wird, ist eine Optimistin und eine Intellektuelle. Mit «Der Ort, an dem die Reise endet» erträumt sie sich eine Idee ihrer Heimat Kenia, in der das Schweigen über historische Ungerechtigkeiten endlich aufbricht und etwas Neues entstehen kann. So wie Odidis und Ajanys Familie den Geheimnissen auf den Grund geht, die ihre Beziehungen untereinander jahrzehntelang gelähmt hatten.

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