Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Rendezvous zu dritt

Von Silvia Süess

Was für zwei seltsame Gestalten, die im Bahnhof Basel auf einer Bank sitzen: eine Frau in einem teuren, viel zu gross wirkenden Hosenanzug, daneben ein junger Mann, mit einer römischen Uniform verkleidet. Beobachtet werden sie von einer dritten Person: «Die Kantonspolizei Basel-Stadt hatte Beat Marotti für die Überwachung der Schalterhalle eingeteilt. Niemand wusste, ob der bunt illustrierte Drohbrief überhaupt ernst zu nehmen war, aber man konnte es nicht darauf ankommen lassen.»

So beginnt der originell konstruierte, sprachlich schlichte Roman «Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte» der in Freiburg im Breisgau lebenden Autorin Marie Malcovati. Der Drohbrief gegen die Stadt kam von bekannten AktivistInnen, die oft in exzentrischen Kleidern auftreten. Kein Wunder also, fällt Marotti das seltsam gekleidete Paar auf, das gedankenverloren am Bahnhof sitzt. Doch seine Befürchtungen, sie könnten die VerfasserInnen des Drohbriefs sein, zerschlagen sich rasch. Fasziniert von den beiden, bleibt der Überwacher bei ihnen hängen und beobachtet, wie sich die beiden auf der Bank langsam kennenlernen.

Malcovati erzählt ihren Roman aus drei verschiedenen Perspektiven. Im Kapitel «L» erfahren wir von Lucy, wie sie als Übersetzerin arbeitet, als Kind ihre Mutter verlor, ihr Vater die Familie verliess, ihre Zwillingsschwester tödlich verunglückte und wie ein Brief sie schliesslich aus der Bahn warf. Auch «S», Simon, der leicht autistisch anmutende Millionärssohn, hat ein prägendes Erlebnis hinter sich. Geschickt wechselt Malcovati die Erzählperspektive und lässt den einen Vermutungen über die andere anstellen, um diese im nächsten Kapitel wieder über den Haufen zu werfen. Schade nur, dass sie es nicht bei diesem ungewöhnlichen «Rendezvous» zu dritt belässt. Plötzlich taucht noch eine vierte Person auf: Marottis Nichte soll Schicksalsgöttin spielen und das unbekannte Paar auf Wunsch ihres Onkels nach einem Streit wieder versöhnen. Wie sie polternd in diesen sonst so subtilen Roman eindringt, hat fast etwas Ärgerliches. Trotzdem ist «Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte» ein starkes Debüt.

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