Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Schöne neue Welt ohne Handarbeit?

Liegt die Zukunft des Biolandbaus wirklich in der Digitalisierung und Automatisierung? Biobauer Samuel Spahn antwortet Urs Niggli, dem Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (siehe WOZ Nr. 16/16).

Von Samuel Spahn

Samuel Spahn

Lieber Urs

So viel vorneweg: Wenn Bio in der Schweiz zulegen soll, so kommen wir nicht darum herum, Wege zu suchen, den Bioanbau der jungen Bauerngeneration schmackhaft zu machen. Für die «digital natives» ist die Robotisierung naheliegend und der Computer aus der Arbeitswelt nicht wegzudenken. Insofern ist Bio 3.0 logisch und entspricht absolut dem Mainstream.

Doch damit gerät die Landwirtschaft in vielerlei Hinsicht in Teufels Küche:

Die Digitalisierung gefährdet Arbeitsplätze. Laut einer Studie im Auftrag des SRF-Wirtschaftsmagazins «Eco» sind in der Schweizer Landwirtschaft 73 Prozent der qualifizierten Stellen von der Automatisierung bedroht.

Der Finanzbedarf eines hoch technisierten Maschinenparks dürfte beträchtlich sein, der Fremdkostenanteil der Produktion wird entsprechend weiter steigen.

Und wenn man die heutige Politiklandschaft (Bürgerblock, TTIP, die Macht der Konzerne) betrachtet, so dürfte es schwierig sein, eine Pestizidsteuer einzuführen, und auch die Marginalisierung der Produzenten (wie im Milchmarkt) geht weiter.

Natürlich stellen sich noch viele weitere Fragen, nicht nur in der Landwirtschaft: Wohin mit all den Leuten, die nicht das Zeug zur Programmiererin oder zum eloquenten Verkäufer haben?

Faule Kompromisse

Das vielleicht Irritierendste an Bio 3.0 ist die Idee, dass die Landwirtschaft ihr Heil in einer industriellen Logik suchen soll. Dabei ist der Weg zu Aquaponik, Hors-Sol-Gemüseproduktion in Hochhäusern und anderen bodenfernen Produktionsweisen nicht mehr weit. Die Lebensmittelproduktion als Spielwiese von Hightechfreaks auf der einen Seite, auf der anderen Seite der schöne Schein: «Bauern», die Emotionen produzieren oder Naturgartenfreizeitparks betreiben für eine urbane Kundschaft, die es sich leisten kann. Eine Vorstellung, die mir – mit Verlaub – zum Kotzen ist. Zudem wird die Bevölkerung eine industrialisierte Landwirtschaft kaum noch mit Direktzahlungen unterstützen wollen.

Auch wird auf diesem Weg das Gefälle zwischen den Industrienationen und dem Globalen Süden zementiert. Denn irgendwoher müssen die Cash Crops ja kommen! Anstelle einer Landwirtschaft, die für die lokale Bevölkerung produziert, werden teure Lebensmittel mit Swissnesssiegel hergestellt und getreu der sogenannten Qualitätsstrategie weltweit an eine zahlungskräftige Kundschaft vertrieben. Derweil hierzulande die Normalos importierten Industriefood, very convenient, im Supermarkt oder am Take-away einkaufen.

Sorry, das war nun zynisch. Ich zweifle nicht an euren guten Absichten. Aber ich habe starke Zweifel, dass es möglich ist, die Agrarindustrie auf den biologischen Weg zu bringen. Denn der industrielle Weg ist nicht ohne die Industrie zu begehen. Da lauern die Vereinnahmung und der faule Kompromiss hinter jeder Biegung.

Wie du vielleicht weisst, engagiere ich mich für Ernährungssouveränität. Die entsprechende Initiative der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre liegt reichlich quer zum Mainstream. Sie ist das Gegenkonzept zum Freihandel und fordert eine kleinräumige, vielfältige Landwirtschaft zugunsten der lokalen Bevölkerung. Man mag einwenden, dass dies ein Konzept für die Länder des Südens sei, für die Schweiz untauglich. Aber es entspricht weitgehend den Postulaten des von der Weltbank initiierten Weltagrarberichts. Er hat 2008 die Rolle der kleinbäuerlichen Betriebe betont. Dass die Weltbevölkerung durch eine Industrialisierung der Landwirtschaft ernährt werden kann, stand meines Wissens nicht darin.

Nahrungsmittel gibt es genug

In der Schweiz sind in den letzten Jahren vermehrt Betriebe entstanden, die auf einer direkten Zusammenarbeit zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen basieren – seien das eine Handelsplattform wie Con Pro Bio im Tessin oder sogar gemeinsam geführte Betriebe wie in der regionalen Vertragslandwirtschaft. Die Einbindung der KonsumentInnen und die Frage, wie die Verteilung der Lebensmittel organisiert werden kann, sind zentral bei der Umsetzung einer ökologischen Landwirtschaft. Diese Konzepte ermöglichen vielen Leuten, näher an die Lebensmittelproduktion zu kommen und sie aktiv mitzugestalten. In der Schweiz arbeiten noch etwa drei Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft. In der Digitalisierung liegt die Gefahr, dass wir uns selber abschaffen.

An die schöne neue Welt, in der wir den Buckel nicht mehr krumm machen müssen, kann ich nicht so recht glauben. Zumindest solange wir kein Konzept dafür haben, was wir anstelle einer plausiblen Arbeit zu tun gedenken – während auch noch die Rede davon ist, das AHV-Alter zu erhöhen. Mit der absehbaren Folge, dass umso mehr Menschen in die Sozialhilfe oder in anderweitige Prekarität abgeschoben werden.

Nahrungsmittel werden bekanntlich genug produziert. Das Problem sind deren Verteilung und die global ungleiche Kaufkraft. Zur Lösung dieser Probleme trägt die Entmenschlichung der Arbeit nichts bei, leider.

Wie du siehst, stehe ich eurer Arbeit sehr kritisch gegenüber. Etliche meiner Gedanken sind mir beim (Hand-)Arbeiten zugefallen. Zu meinem Glück geht mir diese Arbeit in nächster Zeit noch nicht aus.

Beste Grüsse, Samuel Spahn

Samuel Spahn ist seit 33 Jahren Biobauer in Dietikon bei Zürich. Er engagiert sich für die Initiative für Ernährungssouveränität der bäuerlichen Gewerkschaft Uniterre und sass bis 2015 für die Grünen im Dietiker Gemeinderat. Der WOZ liefert er seit Jahren Äpfel.

Antwort auf das Interview mit Urs Niggli: «Die Zeiten, in denen ein Bauer nur am ‹Chrampfen› war, sind vorbei», WOZ Nr. 16/2016.

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