Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Es ist verdammt einsam im digitalen Mediamarkt

Caring statt Sharing! In seinem Essay «Soziophobie» warnt der spanische Soziologe César Rendueles vor dem teuflischen Preis, den wir für die Vergemeinschaftung im Netz zahlen.

Von Monika Dommann

Illustration: Patric Sandri

Hält uns Facebook davon ab, gemeinschaftliche Projekte voranzutreiben? Sind wir den Gadgets des Silicon Valley verfallen und deshalb nicht mehr imstande einzusehen, dass wir mitten im Mediamarkt verdammt einsam sind?

Für den spanischen Soziologen César Rendueles scheint klar: «Würde man einer Runde von Rational-Choice-Theoretikern, Psychoanalytikern und Pädagogen den Auftrag geben, sich auf Mindestanforderungen zu einigen, die gegeben sein müssen, damit soziale Bewegungen entstehen können, käme vermutlich so etwas wie Facebook heraus.» Eigentlich habe er ein Buch über Brüderlichkeit schreiben wollen, liess Rendueles verlauten, nachdem «Sociofobia» (2013) von den LeserInnen der spanischen Tageszeitung «El País» zum besten Essay des Jahres erkoren worden war. Er habe den spanischen Begriff der «fraternidad» rehabilitieren wollen, der nur noch im Zusammenhang mit exklusiven Studentenverbindungen in Gebrauch ist – und sei dabei über die Netzutopien gestolpert.

Erlösung kippt in Verdammnis

Der Netzkritiker Rendueles, geboren 1975, im Geburtsjahr des Heimcomputers, ist kein Internetabstinenzler: Seit 2013 twittert er und betreibt den Blog «Espejismos Digitales», wobei die Ambivalenz gegenüber dem Medium schon dem Titel (Digitale Illusionen) eingeschrieben ist. Im spanischen Original kam «Soziophobie» in dem Jahr heraus, das rückblickend auch als historischer Kippmoment erscheint. Nach den NSA-Enthüllungen durch Edward Snowden sind die Erlösungsfantasien in Bezug auf das Internet einem Narrativ der Verdammnis gewichen. Auch Rendueles’ Essay ist nicht frei von Himmel-und-Hölle-Polarisierungen: Brüderlichkeit, Kooperation, Kollektivität, Abhängigkeit und Pflege stehen Vernetzung, Cyberkultur, Markt, Rational Choice und Tausch gegenüber. Jedoch situiert er die Netzutopien in der Geschichte der linken Sozialutopien seit Mitte des 19. Jahrhunderts, und das macht seine Überlegungen politisch viel anregender als diejenigen einiger seiner Kronzeugen wie etwa des Netzkritikers Evgeny Morozov oder des Cyberrenegaten Jaron Lanier.

Was ihn umtreibt, ist die Frage nach Emanzipation und sozialen Bewegungen im Zeitalter des Internets: Inwieweit sind die Probleme, mit denen sich schon Aktivistinnen, Künstler und Intellektuelle wie Walter Benjamin, Pier Paolo Pasolini oder Buenaventura Durruti beschäftigt haben, noch aktuell? Rendueles hat über Marx promoviert und sich dabei auch eingehend mit dem Wiener Ökonomen und Sozialtheoretiker Karl Polanyi beschäftigt. Zwar verweist er in «Soziophobie» eher beiläufig auf Polanyi, der 1933 in die USA und nach Kanada emigriert war. Doch ist das Werk des heterodoxen Ökonomen zentral für Rendueles’ Argumentation.

Wenn Bindungen erodieren

Polanyi hatte sein 1944 im Exil publiziertes Opus magnum «The Great Transformation» unter dem Schock des Zusammenbruchs der Welt des 19. Jahrhunderts geschrieben. Er formulierte darin eine Kritik an der Idee, dass die Wirtschaft auf Eigeninteresse beruhe und der Markt eine natürliche Institution sei. Durch seine Kritik an der Marktutopie wurde er zum Kontrahenten des ebenfalls aus Wien stammenden Friedrich August von Hayek, der an der London School of Economics lehrte und parallel zu Polanyi sein Manifest für eine freie Marktwirtschaft publizierte («Der Weg zur Knechtschaft», 1944). Rendueles teilt mit Polanyi die Ansicht, dass der Markt traditionelle Bindungen erodiert. Dies kann durchaus auch befreiende Auswirkungen haben: Menschen können sich durch den Tausch auf dem Markt von Abhängigkeiten lösen, mit repressiven Traditionen und autoritären familiären Bindungen brechen und auch ethnische Barrieren überschreiten.

Doch während Polanyi am Ende des Zweiten Weltkriegs den Zusammenbruch der Marktutopien als einen Zustand des Vakuums beschrieb, um die entstandenen Freiheiten bangte und deshalb forderte, das Recht auf Nonkonformismus durch Grundrechte zu schützen, sieht Rendueles die freiheitlichen Errungenschaften durch das Marktprinzip inzwischen skeptischer. Spezifische soziale Fähigkeiten wie die Sorge um andere seien verstümmelt.

Cyberspace als Illusion

Besonders ausgeprägt zeigt sich das Grundparadox zwischen individueller Freiheit und kollektiver Gemeinschaft heute in den Netzutopien. Für Rendueles ist der Cyberspace ein Symptom gesellschaftlicher Zerfallsprozesse, und die Ursache der Misere ortet er in der Soziophobie. Die unpersönlichen Kooperationsstrukturen im Netz sieht er als eine Reaktion auf die Angst vor Face-to-Face-Interaktionen und als einen allgemeinen Widerwillen gegenüber Menschenmengen. Demgegenüber zeichnen sich persönliche Beziehungen durch Kontinuität und Kompromiss, Sorge füreinander und Verbindlichkeit aus. Der Preis, den wir für Vergemeinschaftung im Netz bezahlen, sei teuflisch: die Zerstörung aller emanzipatorischen Projekte, die ein starkes kollektives Engagement erfordern.

Rendueles’ Essay ist in der Tradition soziologischer Zeitdiagnosen verfasst. Er argumentiert im Modus des Mediziners, der Symptome eines kranken Gesellschaftskörpers beschreibt, sich aber nicht mit der Bekämpfung der Symptome aufhalten, sondern zur Ursachenbeseitigung schreiten will. Die gesamte Copyleft-Bewegung mit ihren Theoretikern wie Lawrence Lessig, die auch als Versuch gedeutet werden könnte, neue Rahmenbedingungen für geistige Arbeit im Zeitalter des Internets auszuloten, serviert er dabei cool ab: Rendueles sieht darin bloss marktenthusiastischen Cyberfetischismus. Den verworrenen Interessenkonstellationen zwischen Autoren, Produzentinnen, Vermittlern und Konsumentinnen wird er damit zwar nicht ganz gerecht, doch das ist kein Grund, dieses inspirierende Buch nicht zu lesen.

Die asozialen Engel

Denn Rendueles erinnert uns an die Grenzen und Fallstricke der Netzgemeinschaften: Zwar hilft uns das Internet, Fernsehserien zu tauschen, aber es taugt wenig, wenn es darum geht, uns umeinander zu kümmern. Der Aktivist des Movimiento 15M, der die Proteste in Spanien im Jahr 2011 als Zusammenbruch einer postpolitischen Epoche wahrnahm, erinnert uns daran, dass wir fragile, verletzbare und voneinander abhängige Wesen sind, keine asozialen Engel.

Rendueles argumentiert überzeugend (und in der Tradition Karl Polanyis), dass wir gemeinschaftliche Kooperation wieder als etwas verstehen sollten, was für die menschliche Natur grundlegender ist als die individuelle Nutzenmaximierung, auf die hin die Rational-Choice-Theoretiker den Menschen modelliert haben. Damit wir uns überhaupt umeinander kümmern können, müssen wir jenen Institutionen Sorge tragen, die Gemeinschaften auf Dauer am Leben erhalten. Erst dann wird es möglich, dass intensive soziale Beziehungen und spontane Kollektive aufblühen.

Monika Dommann ist Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Zuletzt ist von ihr das Buch «Autoren und Apparate. Zur Geschichte des Copyrights im Medienwandel» (S. Fischer) erschienen.

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