Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Der Forscher im Keller

Von Florian Keller

Der praktische Warnhinweis zu diesem Buch folgt auf Seite 23, in Klammern: «Ereignisse! Sind Sie hinter solchen her, hören Sie am besten gleich auf zu lesen.» Zu ergänzen wäre: Für Psychologie gilt das genauso. Der britische Schriftsteller Tom McCarthy («8 1/2 Millionen») handelt nicht mit Plot und Psychologie, den gängigen Gütern der Belletristik. Seine Romane sind diskursive Apparate, die Theorien spiegeln, verschalten und in Bewegung setzen. Superschlau, und dabei kein bisschen verblasen.

In «Satin Island» beginnt das schon beim Erzähler. Er nennt sich U., was im Original wie ein fadengrades «You» klingt, und arbeitet im Keller eines namenlosen Konzerns, der gerade den Zuschlag für ein weltumspannendes Grossprojekt bekommen hat. Worin dieses Projekt besteht und was die Firma überhaupt macht, bleibt im Ungefähren. Irgendetwas mit Ideen produzieren und in Umlauf bringen, wie es einmal heisst, im Jargon der neoliberalen Kreativität. U. selber hat als Anthropologe des Hauses den unmöglichen Auftrag, den «Grossen Bericht» zu schreiben. Also ein Papier, das unser Zeitalter auf den Punkt bringt. Doch U. vertieft sich lieber in die täglichen Newsfeeds über eine Ölkatastrophe und den Tod eines Fallschirmspringers.

Der Roman, den wir lesen, ist also immer auch das Dokument eines Scheiterns: Nebenprodukt jenes «Grossen Berichts», den U. vor sich herschiebt. So schillert «Satin Island» beständig zwischen Erzählung und kulturtheoretischem Essay, mitsamt einem bizarren Exkurs zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua.

Was also ist das für ein Buch? Es ist mehrere: ein Roman auf der Suche nach einer Form, wie der Roman als Deutungsmodell für unsere hypermediale Zeit funktionieren könnte. Das Bekenntnis eines Anthropologen, der im Dienst eines Konzerns forscht, wo er doch eigentlich dessen interne Stammeskultur studieren wollte. Und nicht zuletzt: eine Satire über die diffusen Projekte, Geschäfte und Abkommen, die unser Leben regeln.

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