Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Die Schlacht auf dem Versuchsfeld

Die politische Führung will China auch in der Biotechnologie zur Weltmacht machen – etwa durch den Erwerb des Basler Agrokonzerns Syngenta. In den USA wird dies als Bedrohung der «nationalen Sicherheit» wahrgenommen.

Von Urs Morf und Markus Spörndli

China wird die USA als Weltmacht Nummer eins ablösen. Das ist für die meisten GeostrategInnen eine Gewissheit, die Frage ist nur wann und wie. Möglich, dass die Antwort darauf im Westpazifik liegt, wo das chinesische Militär nach und nach ein riesiges, strategisch wichtiges und wahrscheinlich rohstoffreiches Gebiet unter seine Kontrolle bringt – und dort auch der US-Vorherrschaft zusetzt (siehe WOZ Nr. 24/2014). Gut möglich aber auch, dass die Antwort auf das «wie» keine militärische, sondern eine wirtschaftliche ist.

Die politische Führung in Beijing hat den Anspruch, China in sogenannten Zukunftsindustrien an die Weltspitze zu führen: etwa in der Aviatik, der Robotik oder bei erneuerbaren Energien. Ein besonderes Augenmerk gilt der Biotechnologie. «China hat in den letzten Jahren zwar Hunderte Milliarden Dollar in biotechnologische Forschung investiert, aber keine gentechnischen Innovationen hervorgebracht, die mit denen der führenden europäischen und US-amerikanischen Unternehmen vergleichbar wären», sagt Carl Pray, Professor für Agrarökonomie an der Rutgers-Universität in New Jersey, der vor allem in Schwellenländern wie China forscht. Im Februar entschied der Verwaltungsrat von Syngenta, den Basler Agrokonzern für 43 Milliarden US-Dollar an das staatliche chinesische Chemieunternehmen Chem China zu verkaufen (siehe WOZ Nr. 6/2016). «Damit will die chinesische Führung Forschungsresultate einkaufen, die sie selbst nicht generieren konnte», sagt Pray.

Illusion der Selbstversorgung

Der Syngenta-Deal soll bis Ende Jahr zustande kommen. Er wäre dann der historisch weitaus bedeutendste Kauf eines ausländischen Unternehmens durch China. Dort wird der Übernahme enorme Bedeutung zugemessen; gleichzeitig ist sie sehr umstritten. Das liegt an einem komplexen Gemenge aus historischen Erfahrungen und Interessenkonflikten. In den fünfziger und sechziger Jahren lösten wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen des damaligen Vorsitzenden Mao Zedong Hungersnöte aus, die viele Millionen Tote forderten. Seither ist für die Kommunistische Partei (KP) die «Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung» zu einer Art Dogma geworden. Und diese Ernährungssicherheit will das einstige Reich der Mitte aus eigener Kraft, ohne Abhängigkeit vom Ausland, erreichen.

Doch die autarke Ernährungssicherung ist in den letzten Jahrzehnten noch schwieriger geworden: China beherbergt rund zwanzig Prozent der Menschheit – verfügt aber nur über sieben Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Planeten. Ohne Soja- und Maisimporte aus den USA und Brasilien käme die chinesische Schweine- und Rindermast innert weniger Wochen zum Stillstand. Aber auch bei der Versorgung der Menschen mit Reis oder Weizen rückt die Vision der Selbstversorgung in immer weitere Ferne. Denn die schon immer knappe Ackerbaufläche schrumpft vor allem seit Beginn der nachmaoistischen Reformära rapide – wegen Strassen-, Eisenbahn- und Städtebau. Die KP-Regierung versuchte, diesen Rückgang an Ackerfläche zu stoppen, konnte aber nicht verhindern, dass China seit 2008 bei sämtlichen Getreidesorten zum Nettoimporteur geworden ist.

Ein Regierungsbericht von 2014 nannte einen wichtigen Grund dafür: Bis zu siebzig Prozent der chinesischen Böden sind verseucht. Dies wegen der rücksichtslosen Industrialisierung und der übermässigen Anwendung von Kunstdüngern und Pestiziden in der Landwirtschaft. So ist gemäss chinesischen Presseberichten mindestens ein Zehntel der chinesischen Reisernte so stark mit Schwermetallen durchsetzt, dass es nicht mehr verzehrt werden dürfte.

Seit zwei Jahrzehnten schwelt in China unter den führenden Figuren des Staatsapparats und der Agrarwissenschaft ein Streit, wie die Probleme gelöst werden sollen. Die Fraktion der TechnokratInnen setzt voll auf genmanipulierte Pflanzensorten, die resistent gegen Schädlinge, Dürren und vorübergehende Überschwemmungen sein sollen, sowie auf noch stärkeren Einsatz chemischer Düngemittel. Zudem wollen sie in den Tiefebenen Güterzusammenlegungen vorantreiben, damit dort eine industrialisierte Landwirtschaft auf gigantischen Monokulturfeldern wie im Mittleren Westen der USA möglich wird.

Die andere Fraktion, unterstützt von einer wachsenden Zahl von UmweltaktivistInnen, warnt hingegen vor den enormen Umwelt- und Gesundheitsrisiken dieser Strategie. Sie fordert die Bewahrung der bisherigen weitgehend kleinräumigen Agrarwirtschaft und den Ausbau des ökologischen Landbaus, um die Böden zu retten.

Illegale Gentechversuche

Die TechnokratInnen behalten bisher Oberwasser. Weil ein Grossteil der Bevölkerung genmanipulierte Lebensmittel ablehnt, ist zwar der kommerzielle Anbau von Gentechgetreide nach wie vor verboten. Doch sollen achtzig Prozent der in China angebauten Baumwolle genmanipuliert sein, so der chinesische Ableger der Umweltorganisation Greenpeace. Eine in China selbst entwickelte genmanipulierte Papayasorte verbreitet sich inzwischen unkontrolliert bis nach Südostasien. Auch ist sich kaum jemand bewusst, dass ein Grossteil der zur Viehmast und Speiseölherstellung importierten Maiskörner und Sojabohnen genmanipuliert ist.

Immer wieder werden illegalerweise genmanipulierte Mais- und Reissorten ausgesät, was gemäss Greenpeace nur dank der Duldung durch die örtlichen Behörden möglich ist. Die Samen stammen teilweise aus chinesischen Universitätslabors – zum Teil aber auch aus den Labors der ausländischen Biotechgiganten Monsanto, Syngenta und Dupont.

Es ist wohl kein Zufall, dass das Staatsunternehmen Chem China seine Übernahmeofferte für Syngenta ausgerechnet diesen Februar machte. Wie üblich zum Jahresanfang veröffentlichte die Staatsführung kurz davor das «Dokument Nummer eins». Darin wurde erstmals offen das «vorsichtige Vorantreiben» des Anbaus genmanipulierter Pflanzen angekündigt. Auch soll eine «Wissenschaftspopularisierung» gefördert werden, um die Beliebtheit genmanipulierter Lebensmittel in der chinesischen Bevölkerung zu steigern.

Die Gegenseite gibt sich trotzdem nicht geschlagen. Illusionen, dass der Syngenta-Deal noch gestoppt werden könne, habe er zwar keine, sagt der Aktivist Chen, der seinen vollen Namen nicht preisgeben will. Mit seiner NGO hatte er für einen Protestbrief rund 400 Unterschriften gesammelt und einen Aufmarsch vor dem Chem-China-Hauptsitz in Beijing organisiert. Positiv stimmt ihn, dass die Aktion von der Polizei toleriert wurde und dass mehrere chinesische Medien ausführlich darüber berichteten. Zudem seien seither im staatlichen Fernsehen ungewöhnlich viele Berichte ausgestrahlt worden, die den Ökolandbau priesen. Chen ist sich deshalb sicher, dass der Kampf um die Ausrichtung der Agrarpolitik in der chinesischen Führungsspitze weiterhin unentschieden ist.

In den USA könnten die Behörden den Syngenta-Deal allerdings zu Fall bringen, weil sie die «nationale Sicherheit gefährdet» sehen. Syngenta erwirtschaftet fast ein Viertel seines Ertrags in Nordamerika. Die Biotechsparte des Konzerns ist in den USA angesiedelt, und durch den Deal würden die entsprechenden US-Patente in chinesischen Besitz übergehen. Für die USA nicht nur eine wirtschaftlich, sondern vor allem geostrategisch bedrohliche Angelegenheit. Kommt hinzu, dass die US-Biotechunternehmen mit Umsatzrückgängen kämpfen. Im Dezember kündigten die US-Konzerne Dow Chemical und Dupont ihre Fusion an, was unter anderem dazu dienen sollte, die extreme Marktmacht von Monsanto zu brechen. Und nun steht plötzlich auch noch die Übernahme Monsantos durch den deutschen Chemiekonzern Bayer vor der Tür.

Die US-Landwirtschaft hat sich wie keine andere in Abhängigkeit solcher Agromultis begeben. Solange sie US-amerikanisch oder zumindest – wie Syngenta – «westlich» waren, wurde dies vom Polit- und Grossbauernestablishment nicht als Problem wahrgenommen. Im Schatten von Monsanto liefert Syngenta in den USA beispielsweise zehn Prozent aller Soja- und sechs Prozent der Maissamen. Die Vorstellung, dass dieser Anteil der Produktion mehr oder weniger direkt von der chinesischen KP-Führung kontrolliert werden könnte, löst bei der US-Landwirtschaftsbehörde und bei vielen PolitikerInnen den blanken Horror aus – vor allem weil China bereits als Abnehmerin eines grossen Teils der Soja- und Maisexporte eine bedeutende Marktmacht hat. US-Behörden argumentieren, dass dadurch einerseits die Nahrungsmittelsicherheit (ist die Nahrung gesundheitsschädlich?), andererseits die Ernährungssicherheit (gibt es genug Nahrung?) des Landes bedroht sei.

«Bedrohlich wie Terrorismus»

Die nationale Sicherheit sei aber vor allem bedroht, weil Syngenta in den USA mehrere Pestizidproduktionsstätten unterhält, die nahe bei militärischen und geheimdienstlichen Einrichtungen liegen – so sieht es zumindest ein Autor des «Genetic Literacy Project», einer Publikation der Gentechlobby. Beijing könnte nach dem Deal die Syngenta-Fabriken gewissermassen als Ministützpunkte mitten in den USA nutzen. In Washington befürchte man dadurch auch eine Zunahme der Landwirtschaftsspionage.

Dieses Szenario ist nicht ganz von der Hand zu weisen. In den letzten fünf Jahren wurden bereits etwa ein halbes Dutzend Chinesen verhaftet, weil sie in verschiedenen Versuchsfeldern in den USA Samen von neuen Gentechmaissorten ausgegraben hatten und aus dem Land schmuggeln wollten. Gemäss der US-Zeitschrift «The New Republic» liessen die Bundespolizei FBI und das Justizdepartement durchblicken, dass sie den Diebstahl «amerikanischer Agrargeheimnisse» als eine ähnlich starke Bedrohung der nationalen Sicherheit einstufen wie den Terrorismus und das Ausspionieren geheimer Waffensysteme.

Das zeigt, wie sehr die USA daran glauben, dass der geostrategische Kampf mit China nicht unbedingt militärisch entschieden wird, sondern insbesondere auf dem Acker: Wer die bessere Technologie habe, um die wachsende Weltbevölkerung in Zeiten des Klimawandels und der Wasserknappheit zu ernähren – so das von der Gentechlobby geprägte Argument –, habe die besseren Chancen auf die Position als Weltmacht Nummer eins.

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