Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Ein Haus, ein Kind und kein Glück

Von Daniela Janser

Wer die Sechziger-Jahre-Melancholie verstehen will, wenn in der phänomenalen TV-Serie «Mad Men» der Zigarettenrauch sich kräuselt und der Whisky in die Gläser stürzt, muss Richard Yates lesen. Auch in seinen Romanen wird viel geraucht und gesoffen – aber anders als bei «Mad Men» treten bei ihm auch das Scheitern und der Selbstbetrug seiner Figuren ohne Umschweife zutage. Ehen, Jugendlieben, ganze Familien versinken bei Yates in tiefstem Unglück, und niemand entgeht der Traurigkeit, die sich wie ein schweres Tuch über alles legt. Dieser Autor beschreibt seine Figuren so distanziert wie ein Naturforscher seine Fruchtfliegen. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Yates, der 1992 als hoffnungsloser Alkoholiker und Kettenraucher starb, ist einer der besten Stilisten der US-Literatur. Seine Sätze sitzen wie präzis platzierte Peitschenhiebe.

Jetzt liegt auch sein letzter Roman, «Cold Spring Harbor», auf Deutsch vor. Er eignet sich schlecht als Einstieg für Yates-Neulinge, diese greifen besser zu seinen Klassikern «Zeiten des Aufruhrs» oder «Easter Parade». Denn in «Cold Spring Harbor» haben die Zerfallserscheinungen nicht nur auf den Autor und seine Figuren eingewirkt, sondern auch auf die Konstruktion des etwas windschiefen Romans. Im Zentrum steht Evan Shepard, der als einziger Sohn eines Militäroffiziers gern in den Krieg gezogen wäre, aber zu spät kam – und schliesslich zu alt war. Evans Mutter Grace ist eine Alkoholikerin, die kaum mehr aus dem Haus geht. Er selber stolpert viel zu jung in eine Ehe, die nicht gut endet. Und wenn dann die Hoffnung in Gestalt einer neuen Liebe ein weiteres Mal lockt, ahnt man bereits von Anfang an, dass es nicht gut ausgehen wird.

Wie immer bei Yates möchten die Jungen die Fehler der Alten nicht wiederholen – und scheitern bloss noch viel gründlicher. Den eisernen Optimismus des «amerikanischen Traums» lässt Yates konsequent in sein Gegenteil kippen. Glück bleibt beschränkt auf rare Momente, in denen «das günstige Zusammenspiel von Licht und der Alkohol» eine flüchtige Schönheit offenbaren.

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