Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Cervantes der Sportliteratur

Pedro Lenz gibt zum Abschluss noch eine Leseempfehlung

Von Pedro Lenz

Jetzt hat er es schon wieder getan! Der Österreicher Klaus Zeyringer, Germanistikprofessor, Literaturkritiker, Literaturvermittler und Verfasser des wohl lesenswertesten Fussballbuchs deutscher Sprache («Fussball. Eine Kulturgeschichte», Frankfurt am Main 2014) hat soeben ein neues Sportbuch publiziert.

Wer Zeyringers Fussballbuch gelesen hat, musste annehmen, es handle sich dabei um ein Lebenswerk. Doch manche Leute besitzen die Ausdauer, die Kraft und die Begabung, gleich mehrere Lebenswerke zu vollbringen.

Diesmal begleitet uns der begnadete Erzähler und profunde Kenner sozialer Verstrickungen in die Welt der Olympischen Spiele. Wie bei seinem Standardwerk über den Fussball schafft es Zeyringer auch in «Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte», historische Fakten, kritische Einordnungen, menschliche Abgründe und erhellende Anekdoten zu einem lehrreichen Lesevergnügen zu verbinden.

Der 600-seitige Band, der den Zeithorizont von der Neubegründung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 1896 bis zur Neuzeit abdeckt, ist weit mehr als eine rein chronologische Abhandlung. Wie nur wenige WissenschaftlerInnen versteht es Klaus Zeyringer, seine LeserInnenschaft literarisch zu fesseln. Das Buch liest sich wie ein grosser Roman. Und genau wie bei der Lektüre grosser Romane erfolgt die Erkenntnis beinahe spielerisch. Das heisst, wir lernen, ohne es zu merken, weil uns da einer Wissen und Erkenntnis schenkt, ohne uns zu belehren.

Zeyringer spiegelt die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts in der olympischen Bewegung. Die Zeit des Nationalsozialismus oder der Kalte Krieg mit seinen Kämpfen um ideologische Vorherrschaft der jeweiligen Systeme werden ebenso detailliert beschrieben wie die Bemühungen, diese Vorherrschaft auf sportlicher Ebene durch den flächendeckenden Einsatz von Doping zu erreichen. Der Autor zeigt auf, wie sich die Olympischen Spiele von einer «volkspädagogischen Bewegung», die zur «Ehre der Menschheit» ins Leben gerufen wurde, nach und nach zu einer hochkapitalistischen Weltmarke entwickeln. Er zeichnet gesellschaftliche Veränderungen nach, die sich nicht bloss in der olympischen Bewegung feststellen lassen, dort aber besonders augenfällig sind. Selbst wer sich nicht besonders für Sport interessiert, wird Mühe haben, das einmal angelesene Buch wegzulegen. Das hat jedoch nicht bloss mit dem Inhalt zu tun. Die Faszination dieses Buchs hängt zweifellos auch mit Zeyringers sprachlicher Raffinesse zusammen, die uns auf unaufdringliche Art daran erinnert, dass Literatur immer mehr ist als die Weitergabe von Informationen. Gerade in Zeiten von Kurz- und Kürzestinformationen ist diese Erkenntnis nicht zu unterschätzen.

Wie etwa ein Miguel de Cervantes, der mit der – an sich einfachen – Verknüpfung von Anekdoten aus dem Leben eines eingebildeten Ritters die Weltliteratur geprägt hat, prägt dieser Autor die Sportliteratur. Zeyringer schafft dies mit den gleichen Mitteln wie der spanische Altmeister, nämlich dadurch, dass er seine LeserInnen sofort in den Sog des Geschehens hineinzieht und nicht mehr loslässt. Und wie der Autor des «Don Quijote» hält Zeyringer auch noch einen zweiten Band seiner Saga bereit: Beim hier erwähnten Buch handelt es sich lediglich um Band eins, der die Sommerspiele behandelt, was darauf schliessen lässt, dass demnächst der Band über die Winterspiele erscheinen dürfte.

Es mag uns wie ein schlechter Scherz vorkommen, wenn wir bei Zeyringer lesen, dass Baron Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, für den «Schutz des Sports gegen den Geist der Gewinnsucht» angetreten sei. Aber, und daran erinnert uns der Autor dieses unbedingt empfehlenswerten Bands in manchen seiner Episoden: Die besten und die schlechtesten Scherze schreibt immer das Leben.

Pedro Lenz (51) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seine erste olympische Erinnerung ist Walter Steiners Silbermedaillengewinn im Skisprung auf der grossen Schanze von Sapporo im Jahr 1972. Mit diesem Text verabschiedet er sich aus dieser Sportkolumne.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch