Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

In der digitalen Hölle

Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer hält Smartphone, Facebook und Co. für gefährlich. Zu Recht?

Von Bettina Dyttrich

Sich deportieren lassen oder untertauchen? Vor dieser Frage steht der jüdische Berliner Cioma Schönhaus im Jahr 1941. Er taucht unter – aber auf spezielle Art: Er versteckt sich nicht. Im Gegenteil: Mit falscher Identität und dem Geld, das er als Passfälscher verdient, leistet er sich ein glamouröses Leben. Er verkehrt mit führenden Nazikadern, hat Affären mit deren Frauen, segelt auf dem Wannsee. Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer, der Schönhaus während seiner Forschungen zum Widerstand im Nationalsozialismus kennengelernt hat, erwähnt die verrückte Geschichte in seinem neuen Buch «Die smarte Diktatur» (S. Fischer Verlag). Aus einem einfachen Grund: Gäbe es heute eine vergleichbare Diktatur, Schönhaus würde nicht überleben. Nicht nur, weil sich Pässe nicht mehr fälschen lassen: «Alle sozialen Felder, alle räumlichen Nischen sind taghell ausgeleuchtet. Was heisst: Es wird nicht nur niemand gerettet. Es gibt auch keinen Widerstand.»

Wie total der Zugriff von Geheimdiensten und Internetkonzernen auf digitale Daten ist, kann spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen niemand mehr ignorieren. Viel ist darüber geschrieben worden. Auffällig dabei: Angeprangert werden Formen der Überwachung, die nur dank Digitalisierung möglich sind. Trotzdem stellt – zumindest auf linker oder linksliberaler Seite – kaum jemand Smartphone, soziale Medien oder das masslos gehypte Internet der Dinge grundsätzlich infrage. Viele sind selbst fasziniert von den neuen Möglichkeiten – oder sie haben Angst, als naiv oder (noch schlimmer!) als kulturpessimistisch zu gelten.

Sehr altmodisch, sehr radikal

Da klingt es je nach Standpunkt sehr altmodisch oder sehr radikal, wenn Harald Welzer eine «dienende Rolle» für digitale Technologien fordert: «Man muss sozial definieren, wofür man es braucht. Und vor allem: ob man es braucht.»

In der Digitalisierung, verbunden mit der heutigen Marktideologie, ortet Welzer totalitäre Tendenzen: in der Kontrolle, die Konzerne via persönliche Daten darüber haben, «was die Beherrschten selbst zu sein glauben und sein wollen». In der «konsumistischen Spiegelhölle» der Personalisierung, die den NetznutzerInnen Angebote bereitstellt, die zu ihren gesammelten Daten passen. Oder, besonders hässliches Beispiel, in den Hassreden und Shitstorms im chinesischen Internet, die manchmal in reale Mobgewalt umschlagen: «Was bedeutet es, wenn eine demokratische Öffentlichkeit nie entstanden ist, bevor das Internet da war?»

Fremde Pilze im Paket

Sehr spannend ist das Buch, wo es verknüpft, was selten zusammen gedacht wird: Digitalisierung und Ökologie. Internetanwendungen sind in Deutschland bereits für zehn Prozent des Stromverbrauchs verantwortlich, Tendenz steigend; der Onlinehandel verlangt eine irre Logistik – von Containerhäfen bis zur (Auto-)Lieferung vor die Haustür. Das Digitale steht im Zentrum einer zerstörerischen Expansion, die direkt zum Artensterben beiträgt. Das beginnt bei jeder neuen Serverfarm und endet bei Pilzen und Viren, die mit den Warenströmen immer schneller um den Globus reisen und öfter mal schnell eine Froschart aussterben lassen, ohne dass es für Schlagzeilen sorgt. Niemand hat mehr den Überblick, was der eigene Konsum in der Welt anrichtet, und mit der Digitalisierung wächst «die Distanz zu den biologischen und sozialen Voraussetzungen des Lebens und Überlebens», wie Welzer schreibt: «Je distanzierter mein eigenes Verhältnis zur Welt ist, desto grösser ist die Gewalt, die ich der Welt anzutun bereit bin.»

Über die sozialen Folgen der globalen Erwärmung hat Welzer 2008 das abgrundtief düstere Buch «Klimakriege» geschrieben. Seither versucht er gegenzusteuern, forscht zur Frage, warum Menschen aktiv werden, und schreibt im Jahrestakt Bücher, die zum Engagement aufrufen. Diese mischen kluge Analysen mit manchmal ärgerlichem Populismus, so finden sich in «Die smarte Diktatur» überflüssige (und erst noch unklare) Seitenhiebe gegen Political Correctness.

Natürlich kann man seinem neusten Buch entgegenhalten, dass die digitale Vernetzung auch Leben retten kann, etwa auf der Flucht, oder Menschen in abgelegenen Weltgegenden ganz neue Bildungsmöglichkeiten bietet. Doch das macht die Fragen, die Welzer aufwirft, nicht weniger beunruhigend.

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