Nr. 31/2016 vom 04.08.2016

Jenseits des toten Punkts

Distanz statt Innenschau: Die gebürtige Kanadierin Rachel Cusk hat sich mit ihrem faszinierenden neuen Roman «Outline» aus einer Sackgasse geschrieben.

Von Ulrike Baureithel

Zwei Fremde im Zug, die sich in unverbindlicher Vertrautheit ihr Leben erzählen, im Wissen, dass sie sich nie wieder begegnen werden: So abgegriffen dieses Motiv auch erscheinen mag, wird dieser narrative Kunstgriff doch immer wieder aufgerufen, um eine Geschichte in Gang zu setzen. Die beiden Fremden, die sich in Rachel Cusks neuem Roman «Outline» im Flugzeug begegnen, setzen allerdings überhaupt nichts in Gang ausser der Rede selbst, als ob die 49-jährige Autorin ihren introspektiven Beschreibungen aus den Niederungen moderner Paarwelten inzwischen misstraute. «Lächerlich», nannte sie diese in einem Gespräch mit dem «Guardian» und räumte ein, dass sie an ein «totes Ende» gekommen sei.

Nach ihrem hochriskanten autobiografischen Bericht «Aftermath» (2012) über das Ende ihrer Ehe mit dem Fotografen Adrian Clarke hat Cusk mit «Outline» den Faden wieder aufgenommen, diesmal allerdings nicht als Gestalterin von Mittelschichtschicksalen, sondern als distanzierte Protokollantin der Interpretationen abgelaufenen Lebens, seiner nachgetragenen Sinngebungen und eingestandenen Niederlagen.

Mit ihrem Sitznachbarn über den Wolken verbindet die Schriftstellerin Faye, die sich auf dem Weg zu einem Creative-Writing-Seminar nach Athen befindet, zunächst kaum etwas. Der aus einer griechischen Reederfamilie stammende, nicht besonders attraktive Mann beginnt, von seiner Kindheit zu erzählen, seiner Einsamkeit in einem englischen Internat und von seinen gescheiterten Ehen. Weder die Erinnerung an die materiellen Verluste noch an den erlittenen Schmerz hielten ihn davon ab, es immer wieder neu zu versuchen.

In der Ehe gestrandet

Für ihren Sitznachbarn fungiert die Autorin als Spiegel, der seine Geschichte objektivierend zurückwirft. Auch für ihre Kolleginnen und Freunde, mit denen sich Faye in Athen trifft, ist sie eine Art Filter, der Erlebtes fokussiert und konzentriert. Ihr griechischer Bekannter Panaoitis, die Freundin Elena oder die Schriftstellerkolleginnen Angeliki und Melete ringen mit der Diskrepanz zwischen Wünschen und Erwartungen und dem, was ist, der Anerkennung der Wahrheit. Ihre Ehen und Beziehungen funktionieren wie einvernehmliche «Glaubenssysteme», in denen der «Fortschritt» vorherrscht, ob es nun um den Erwerb von Eigentum geht oder um Kinder.

So wenig diese fremden Ehegeschichten mit ihren Gewinn- und Verlustrechnungen im eigentlichen Sinn erzählt werden, so wenig stellt Cusk die Tage in Griechenland als Erlebnisraum vor – obwohl sie Orte und Umstände ausgesprochen präzise beschreibt. Weder rückt den Figuren die Griechenlandkrise auf den Leib, noch erfährt man etwas von ihrem Alltag. Lediglich mit ihrem namenlosen Sitznachbarn trifft Faye sich mehrmals, folgt seinen Verirrungen durchs Eheleben, die ihn stranden lassen wie sein Boot auf dem Trockendock.

Dass er sich zu ihr hingezogen fühlt, ist eine der wenigen direkten Aussagen in diesem unendlichen indirekten, von Faye kanalisierten retrospektiven Redefluss. Weil Faye «zwischen dem, was ich wollte, und dem, was ich haben konnte» keine Balance herstellen kann, entscheidet sie sich, «rein gar nichts mehr zu wollen». Von ihren eigenen begrabenen Eheträumen erfährt man nur winzige Versatzstücke. Während Elena durch vorauseilende Vorwegnahmen Lebensüberraschungen vermeidet, entzieht sich Faye durch einen ausweichenden Sprung ins Wasser.

Die Familie als Firma

Ihre Kursteilnehmer dagegen lässt sie Schreibhaltungen durchdeklinieren und den Möglichkeits- und Wahrscheinlichkeitshorizont des Narrativen, wie die Ehe einer ist. Gibt es eine für jede und jeden bedeutsame «Wahrheit» oder nur die subjektive Bedeutung des Tatsächlichen? Lassen sich Ängste in Geschichten «übersetzen» und beherrschen oder stellen diese lediglich einen «Sicherheitsabstand» in Form von Illusionen her? Sind wir am Ende nicht immer nur hilflose StatistInnen in fremden Vorstellungswelten?

Am Ende löst Anne, eine nach einem «Zwischenfall» schreibblockierte Dramatikerin, Faye als Nachfolgerin in der Athener Wohnung ab. Ihr Problem sei, erzählt sie Faye, immer schon im Voraus zu wissen, was bei einem Stück herauskomme. Deshalb sei sie sicher, nie mehr eins schreiben zu können.

Es ist diese Skepsis gegenüber dem Fiktionalen – dem Erfundenen als auch den vorgeführten Selbsterfindungen –, der dieses «Roman» genannte Gespräch leitet. Die in vielem an Siri Hustvedt erinnernden lebensklugen Beobachtungen und die beissenden Satiren etwa über die modernen jungen Frauen, die ihre Familie «wie ein Unternehmen» leiten und in kollektive Erschöpfung verfallen, ohne es zu bemerken, entschädigen für die Handlungsarmut und das nur locker zusammengehaltene Arrangement. Vielleicht müsste in Cusks nächstem Roman ein Tier eingeführt werden, als Widerhaken und um wieder erzählen zu können, so wie die Romanfigur Faye es ihren SchreibstudentInnen aufgetragen hatte.

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