Nr. 32/2016 vom 11.08.2016

Auf der Ranch mit Guru Russell

Von Silvia Süess

Es ist ein furchtbares Ereignis, von dem sich die US-Autorin Emma Cline für ihren Erstlingsroman «The Girls» hat inspirieren lassen, der in den USA zurzeit als «this summer’s hottest novel» gehandelt wird: der Mord der Manson-Sekte an der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiteren Personen im Jahr 1969. Zwar heisst der Guru in Clines Buch Russell, und auch die Ermordeten tragen andere Namen, doch die Parallelen sind offensichtlich.

Erzählt wird die Geschichte von Evie Boyd. Gut fünfzig Jahre nach einem schrecklichen Mord erinnert sie sich in Rückblenden an die Zeit, als sie vierzehn war. Ein unsicheres Mädchen aus gutem Haus in Kalifornien, das durch die Trennung ihrer Eltern und einen Streit mit ihrer einzigen Freundin ohne Halt dasteht. Per Zufall trifft sie auf eine Gruppe junger Frauen, von denen sie sich angezogen fühlt: «Als Erstes fielen mir ihre Haare auf, die lang und ungekämmt waren. Dann ihr Schmuck, in dem sich das Sonnenlicht fing. Die drei waren so weit weg, dass ich nur die Konturen ihrer Gesichter erkennen konnte, aber das spielte keine Rolle – ich wusste, dass sie anders waren als alle anderen im Park.»

Die Mädchen führen Evie in eine neue Welt ein: das Leben auf einer heruntergekommenen Ranch mit Guru Russell, von dem sie psychisch und physisch völlig abhängig sind. Grossartig beschreibt Cline, stets aus der Innensicht von Evie, wie die Vierzehnjährige in einer pubertären Verlorenheit in etwas hineinschlittert, das sie total fasziniert, das jedoch völlig ausser Kontrolle gerät. Das Erschütternde an Clines Roman ist, wie die Erzählerin die schrecklichsten Dinge als völlig selbstverständlich annimmt, unbedingt dazugehören möchte und dadurch auch beinahe zur Mörderin wird. Das gesteht die erwachsene Evie im Gespräch mit einer jungen Frau: «‹Haben Sie je gedacht, dass Sie auch fertiggebracht hätten, was die getan haben?›, fragte Sasha. ‹Manchmal frage ich mich das wohl schon›, sagte ich. ‹Dass ich es nicht getan habe, erscheint mir wie ein Zufall.› ‹Ein Zufall?› ‹So gross war der Unterschied nicht. Zwischen mir und den anderen Mädchen.›»

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