Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Klub der toten DichterInnen

Von Christoph Wagner

«M Train» heisst das neuste Buch der amerikanischen Musikerin Patti Smith. «M» steht für «Memory»: Erinnerungen. Auf mehr als 300 Seiten denkt die heute fast siebzigjährige Expunkerin, die in den siebziger Jahren mit ihrem Debütalbum «Horses» zu Weltruhm kam, an verstorbene Freunde und wichtige künstlerische Bezugspersonen zurück. Dabei wird deutlich, dass sich Smith, die bereits 2010 mit «Just Kids» eine Autobiografie vorlegte, inzwischen weniger als Musikerin denn als Schriftstellerin, Lyrikerin und Fotografin versteht, weshalb die Referenzen zur Musik eher spärlich ausfallen.

Das Buch folgt keiner Chronologie, sondern verknüpft auf lose Weise Ereignisse, Betrachtungen, Gedanken und Träume in assoziativer Manier. Der Text kreist um das Wesentliche von Smiths Künstlerinnenexistenz, nämlich um Personen, die einen Einfluss auf ihr Denken und Fühlen ausübten. Vielen ist sie persönlich nie begegnet, dennoch fühlt sie sich ihnen nahe. Wie eine Schamanin ruft sie diesen Klub der toten DichterInnen in der Erinnerung wach.

Smith ist viel auf Reisen. Mehrere Male besuchte sie das nordenglische West Yorkshire, um das Grab der Lyrikerin Sylvia Plath aufzusuchen – eines ihrer grossen Vorbilder. Auf solchen Pilgerfahrten hat Smith eine Polaroidkamera dabei, um Fotos der Grabstätten zu machen: «Orte, wo die Geister unseres alten Lebens wohnen.»

Andere Exkursionen führen nach Französisch-Guayana auf den Spuren des Schriftstellers Jean Genet sowie nach Berlin ans Grab von Bertold Brecht oder zu Goethe und Schiller nach Jena. Wieder daheim in Greenwich Village in Manhattan, setzt sich Smith jeden Morgen zum Nachdenken, Tagträumen oder Schreiben in ihr Stammcafé – immer an denselben Tisch, immer auf denselben Stuhl. Selbst die Bestellung ist jedes Mal die gleiche: schwarzer Kaffee, Vollkorntoast und Olivenöl. In «M Train» outet sich Patti Smith als Gewohnheitstier.

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