Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Als der spätere Papst nach Rebstein kam

Die Textildynastie Rohner prägte Lebens- und Arbeitsbedingungen der Rheintaler Bevölkerung. Jolanda Spirig zeichnet im sorgfältig recherchierten Buch «Sticken und Beten» die Geschichte der erzkatholischen Familie nach.

Von Heidi Witzig

Dame von kalter Grandezza: Josy Geser-Rohner (Mitte). Foto: Aus dem Besprochenen Buch

Die Welt der Familie und Firma Rohner aus Rebstein steht im Zentrum von Jolanda Spirigs Buch «Sticken und Beten». Das Buch beginnt in der ehemaligen Villa Tanner der Fabrikantenfamilie, heute ein Altersheim, wo wir die BewohnerInnen der 1920er Jahre kennenlernen. Geschickt wird die Geschichte der Stickereidynastie Rohner chronologisch vorangetrieben, immer wieder mit kurzen Einführungen und Bemerkungen zur zukünftigen Entwicklung.

Ständiger Perspektivenwechsel

Die Aktivitäten der Dynastie Rohner aus dem Rheintal prägten Lebens- und Arbeitsbedingungen weiter Kreise der Bevölkerung. Spirig stützt sich nicht nur auf das leicht zugängliche Quellenmaterial wie Firmengeschichten, Nachrufe, Erinnerungen, Interviews. Eindrücklich sind vor allem die zahlreichen Briefwechsel privater und geschäftlicher Natur, die Tagebuchaufzeichnungen des kleinen Schülers Albert Geser und das aussagekräftige Fotomaterial: Die Rohners, später die Gesers und schliesslich die Mansers waren von der Gründerzeit um 1870 bis in die 1980er Jahre Besitzer und Geschäftsführer zahlreicher Stickereibetriebe und Handelsagenturen. Die Firma etablierte sich erfolgreich auf den internationalen Absatzmärkten in Europa und den USA. Der Wechsel der Familiennamen kennzeichnet dabei nicht etwa das Fehlen von Söhnen: Der Prinzipal Jacob Rohner zog den Schwiegersohn seinem leiblichen Sohn als Nachfolger vor. Auch Jacobs Tochter Josy Geser-Rohner, die im Zentrum des Buchs steht und nach dem frühen Tod ihres Mannes jahrzehntelang als Besitzerin und Chefin firmierte, setzte einen Schwiegersohn statt des eigenen Sohns Albert Geser-Degener ein.

Faszinierend im Buch ist der ständige Perspektivenwechsel: Wir begleiten die extremen Konjunkturverläufe der Stickereiindustrie, lernen die Schicksale von Arbeiterinnen und Arbeitern, Lehrlingen und Gouvernanten kennen, verfolgen den Alltag in den pompösen Villen der Familienglieder, die in Haus und Garten, im Sommersitz auf der Lenzerheide, mit vornehmem Auto und Nerzstola ihren Lebensstil zelebrierten. Wir lesen aber auch über die subtilen Ausgrenzungsmechanismen im Familiennetz, wo ausschweifender Lebenswandel, vermutete Homosexualität oder auch persönliche Sympathien und Antipathien über persönliche und berufliche Schicksale entschieden.

Kein Bundesrat am Begräbnis

Geschickt webt Spirig ein Netz von sozialen und politischen Bezügen, das weit übers Rheintal hinausreicht. Zentral war die Zugehörigkeit der Familie zum Katholizismus konservativer Prägung. Die reaktionäre Politik des Vatikans wurde getragen von einem internationalen Netz reichster Männer, teilweise auch Frauen. Jacob Rohner und seine Frau, seine Tochter Josy und ihr Ehemann Albert Geser-Rohner waren Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab in Jerusalem. 1939 brachte Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli eine päpstliche Approbation nach Rebstein, die die Aufbewahrung einer geweihten Hostie in der Privatkapelle erlaubte – kurz darauf wurde er als Papst Pius XII. gewählt. Wichtige Netze bestanden auch in der institutionellen Politik. Alle Fabrikanten waren auf Gemeinde-, Kantons- und teilweise auch Bundesebene tätig.

Josy Geser-Rohner, jahrzehntelange Chefin einer internationalen Firma, Dame vom Heiligen Grab in Jerusalem und von kalter Grandezza, stand in der öffentlichen Wertung unter ihrem Ehemann. Bei dessen Beerdigung waren Bundesrat, Bischöfe und andere hohe Kleriker mit von der Partie. Josy Geser-Rohner hatte zwar auch einen prachtvollen Begräbniszug – aber Bundesräte fehlten.

Jolanda Spirigs sorgfältig recherchiertes Buch ist ein gelungener Beitrag zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweiz.

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