Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Philosophischer Alltag

Von Eva Pfister

Alex Capus mag ja Wohlfühlliteratur verfassen, aber dass sein neues Buch den Titel «Das Leben ist gut» trägt, ist des Guten und Nichtssagenden zu viel. Zumal ein wunderbarer Ort im Zentrum des Romans steht, dessen Name einen schönen Titel abgegeben hätte: die Sevilla Bar. Sie liegt im Bahnhofsviertel einer kleineren Stadt. Eingeklemmt zwischen neuen Bürokästen, fällt das Haus durch seine seltsame Gestalt auf. Über einem imposanten Erdgeschoss erhebt sich ein einziges hölzernes Dachgeschoss, «das Haus ist das Gegenteil eines Sitzriesen, sozusagen ein Stehzwerg».

Genüsslich erzählt Capus die Geschichte dieses «Stehzwergs»: Es war einmal ein Malermeister, der wollte einen «kleinen Wolkenkratzer» bauen, aber dann ging ihm das Geld aus. Das Haus fiel an die Stadt, die es schliesslich spanischen Arbeitern als Vereinslokal zur Verfügung stellte. So entstand die Sevilla Bar.

Der Ich-Erzähler Max ist ein Mann um die fünfzig, Vater von drei halbwüchsigen Söhnen (Capus hat fünf Söhne) und Ehemann einer Juristin (Capus’ Frau ist Strafrechtsprofessorin), die sich gerade beruflich in Paris aufhält. Er hat als Schriftsteller mit einem Roman viel Geld verdient und daraufhin diese Bar gekauft (Capus betreibt in Olten die Galicia Bar). Am Morgen bringt Max die leeren Flaschen zum Container und staubt den Stierkopf in der Bar ab, um den sich auch eine schöne Story rankt. Abends hört er den Geschichten seiner Stammgäste zu, die zwar nicht belegen, dass das Leben gut ist, aber dass es trotz allem immer irgendwie weitergeht. Es sind spannende Geschichten, und manche hätte Max – oder Alex – sicher zu einem Roman ausbauen können. Aber die Geschichten sind beiläufig, das Buch beschränkt sich auf den Alltag. Diese Beschränkung ist sein Thema – und macht die Qualität dieser philosophischen Alltagsbetrachtungen eines Geschichtenerzählers aus. Max liebt Menschen, die bleiben, und Dinge, die eine Geschichte haben: Häuser, Stierköpfe, die Sevilla Bar. Wenn er nachts abschliesst und es ganz still ist, kommt es ihm vor, als höre er die Stimmen der spanischen Arbeiter, die sich damals hier trafen und ihr Heimweh pflegten.

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