Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Die Mutigen

Über tausend Israelis haben für das Projekt «Breaking the Silence» ihre Erfahrungen aus dem Militärdienst veröffentlicht. Die Regierung will gerichtlich erzwingen, dass sie nicht länger anonym bleiben dürfen. Dabei zeigen schon jetzt viele ihr Gesicht.

Von Violeta Santos-Moura (Fotoreportage) und Markus Spörndli (Text)

Wie die meisten jüdischen Israelis befasst sich Jehuda Schaul als Achtzehnjähriger erstmals mit der Rolle seines Landes als Besatzungsmacht. Zu Beginn des 32-monatigen obligatorischen Militärdienstes kam er auch erstmals mit PalästinenserInnen in Kontakt.

«Direkt nach der Ausbildung setzte man mich an ein mit Granaten bestücktes Maschinengewehr», erinnert sich Schaul an seine erste militärische Erfahrung, die er 2001, mitten in der zweiten Intifada, in Hebron machte. «Ich musste auf Wohnhäuser schiessen, das nannte man Präventivschlag.» Danach verbrachte er viele Nächte seiner Dienstzeit mit Hausdurchsuchungen in der grössten Stadt des Westjordanlands, die zum Brennpunkt der Besatzung geworden war. «Wir haben die Wohnungen auf den Kopf gestellt und meist jemanden verhaftet. Dabei wussten wir vorher, dass es dort keine Verdächtigen gab.»

Jehuda Schaul war nicht der erste und einzige Soldat, den die Realität schockierte. Trotzdem herrscht in der israelischen Gesellschaft bis heute eine Art Tabu: Auch Schauls älterer Bruder erzählte zu Hause kaum etwas von seinem Militärdienst. Deshalb gründete Schaul 2004 mit gleichgesinnten früheren Kampfsoldaten die Organisation Breaking the Silence (das Schweigen brechen). Sie sammelten Erfahrungsberichte von Hunderten anderer SoldatInnen. Aus diesen Berichten und aus Fotos von SoldatInnen erstellte Schaul eine Ausstellung, die in Israel hohe Wellen warf und die Organisation schlagartig bekannt machte. Später wurde daraus ein Buch, das von verschiedenen Verlagen in etlichen Sprachen publiziert wurde, 2012 auch auf Deutsch.

Das Projekt zeugt vom Bedürfnis vieler junger SoldatInnen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Rund 1100 SoldatInnen haben bisher im Rahmen von Breaking the Silence ausgesagt. Doch sie gelten für weite Teile der israelischen Bevölkerung als VerräterInnen. Und zwar als besonders schlimme, weil sie aus der Mitte der Gesellschaft stammen. Die vielen israelischen Menschenrechtsgruppen können an den linken politischen Rand gedrängt und ignoriert werden. Aber Hunderte SoldatInnen, das ist eine ganz andere Dimension – pure Subversion. Dabei wird der Organisation und ehemaligen SoldatInnen auch vorgeworfen, feige zu sein, weil sie die Aussagen grundsätzlich anonym veröffentlichen. Gemäss Schaul würden die jungen Israelis sonst ihre Sicherheit aufs Spiel setzen.

«Lange wurden wir nur verbal verunglimpft», sagt Jehuda Schaul, «aber seit unserem neusten Buch zum Gazakrieg von 2014 werden wir auch physisch, politisch und juristisch angegriffen.» Es gab mehrere Attacken auf Informationsstände; es gab Vorstösse, die Organisation zu verbieten oder zumindest aus den Schulen zu verbannen. Und seit diesem Mai gibt es eine Klage der Staatsanwaltschaft, die an die ursprüngliche Fassung des Interviews mit einem Soldaten gelangen will, in dem dessen Identität ersichtlich ist. Der Soldat ist Zeuge eines mutmasslichen Kriegsverbrechens während der israelischen Angriffe auf Gaza – er war aber möglicherweise auch selbst daran beteiligt. Am 20. September findet die zweite Anhörung im Prozess statt.

«Verlieren wir den Prozess, sind wir am Ende», sagt Schaul. Dann könnten staatliche Stellen auch die Herausgabe anderer Interviews erzwingen. «So würden nur noch wenige Soldaten mit uns reden. Die israelische Öffentlichkeit könnte dann noch weniger über die Realität der Besatzung erfahren.»

Dabei gibt es unter den ehemaligen SoldatInnen über hundert Mutige, die ihre Identität längst offengelegt haben. Einige von ihnen hat die Fotojournalistin Violeta Santos-Moura porträtiert und ihre Bilder neben Erinnerungsfotos aus dem Militärdienst gestellt. Die Portugiesin, die in Tel Aviv lebt, lernte Breaking the Silence durch das erste Buch kennen und nahm kurz darauf an einer der Touren nach Hebron teil, die die Organisation regelmässig unternimmt, um Interessierten die Auswirkungen der israelischen Besatzung aufzuzeigen.

Seither begleitet sie verschiedene der ehemaligen SoldatInnen und dokumentiert deren Alltag im zivilen Leben. «Mir wurde bewusst, dass ich da mit Menschen herumhänge, die später vielleicht als Helden anerkannt werden, weil sie einen historischen Wandel mit herbeigeführt haben», sagt sie. «Es sind normale Leute, die ihr Bestes tun, um die Zustände zu ändern.» Mit dem auf diesen Seiten präsentierten Fotoprojekt will Santos-Moura Breaking the Silence «ein Gesicht geben».

Und es gibt Hoffnung. Seit die Organisation so stark unter Druck geraten ist, gibt es auch eine neue Welle der Unterstützung in Israel. Sogar namhafte frühere Generäle sind Teil davon, weil sie den politischen Auftrag, den die Armee ausführen muss, zunehmend kritisieren. «Die Leute merken, dass es nicht nur um Breaking the Silence geht», sagt Jehuda Schaul. «Es geht um die Verteidigung der letzten Überbleibsel einer liberalen Demokratie.»

Zur kompletten Fotoreportage: www.violetamoura.eu/2441545-breaking-their-silence#1

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