Nr. 40/2016 vom 06.10.2016

Wie kaputt ist die Schweiz?

Von Bettina Dyttrich

Von der Eiszeit bis zur Alpenschwärmerei, vom Linthkanal bis zum Autobahnbau: «Geschichte der Landschaft in der Schweiz» spannt grosse Bögen und bleibt dabei anschaulich und gut lesbar. Sehr spannend ist das Buch dort, wo es Konflikte und Widersprüche zeigt. Etwa im Kapitel «Die Entdeckung der Landschaft als territoriale Ressource» von Martin Stuber, in dem es um die «ökonomischen Patrioten» des 18. Jahrhunderts geht. Diese Gelehrten propagierten intensive Methoden wie den Kleeanbau, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern. Ein ehrenwertes Unterfangen – allerdings begannen sie damit, «genau jene Lebensräume» zu zerstören, «deren Verlust man heute aus ökologischer Sicht besonders bedauert».

Manches wirkt etwas zufällig. Unklar bleibt, warum die «Gartenkunst vom Barock bis zur Gegenwart» mehr Platz bekommt als die gesamte Industrialisierung. Schade auch, dass die Wahrnehmung der Landschaft in der Kunst und der Landschaftsschutz als rein bürgerliche Angelegenheiten daherkommen – auch ArbeiterInnen eigneten sich die Landschaft an, die Naturfreunde sind nur ein Beispiel dafür.

Am Anfang dieses Buchs steht eine Frage: «Ist Landschaftsgeschichte in der Schweiz eine Geschichte des Niedergangs und der Zerstörung, oder kann man sie auch anders betrachten?» Sie wirkt wie eine Anspielung auf die mehrmals zitierte Forschung von Klaus C. Ewald, dem ersten (und letzten) Professor für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich. Während Ewald den ersten Teil der Frage klar mit Ja beantwortete, bemühen sich die AutorInnen dieses Buchs etwas gar stark um Neutralität. Schweizer Besonderheiten, die die Landschaftsveränderung stark prägen – etwa der grosse Spielraum der Gemeinden bei der Raumplanung –, werden kaum analysiert; das Kapitel «Wissenschaft, Politik, Planung» besteht vor allem aus einer Aufzählung von Abstimmungsvorlagen und Forschungsprojekten. Auch wenn Geschichtsforschung nicht polemisch sein muss: Etwas deutlichere Worte zum krassen Verlust an Landschaftsvielfalt im Mittelland hätten nicht geschadet.

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