Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Pollen, Lizenzen, Gedächtnisverlust

In Den Haag trafen sich Fachleute und AktivistInnen aus der ganzen Welt und sammelten grausige Fakten zum US-Konzern Monsanto und seinem Landwirtschaftsmodell.

Von Bettina Dyttrich

Sabine Grataloup erzählt von ihrem Sohn. Er kam mit deformierter Luft- und Speiseröhre zur Welt. Heute ist er neun und hat schon fünfzig Operationen hinter sich. Die Französin ist überzeugt, dass sie den Grund für die Behinderung kennt: Auf einem 700 Quadratmeter grossen Landstück spritzte sie Monsantos Unkrautvernichtungsmittel Roundup, als sie schwanger war, es aber noch nicht wusste.

Die Argentinierin María Liz Robledo hat eine Tochter, ebenfalls mit kaputter Luftröhre, die nach der Geburt fast erstickte. In ihrem Dorf lebt ein zweites Kind mit ähnlichen Beschwerden. In Argentinien werden Roundup und andere Mittel mit dem Wirkstoff Glyphosat in riesigen Mengen auf Sojafelder gesprüht, oft mit dem Flugzeug. In der EU sind maximal zwei Kilo Glyphosat pro Hektare zugelassen, in Südamerika sind zehn bis zwölf Kilo normal.

Grataloup und Robledo sind zwei von vielen ZeugInnen am Monsanto-Tribunal, das vergangenes Wochenende im niederländischen Den Haag stattgefunden hat. Zu den OrganisatorInnen gehören die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva, die frühere französische Umweltministerin Corinne Lepage und Olivier De Schutter, der ehemalige Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

Schon in Vietnam dabei

Die Vorwürfe, die die ZeugInnen dem US-Konzern machen, den das deutsche Chemieunternehmen Bayer kaufen will (siehe WOZ Nr. 38/2016), wiegen schwer. Da ist etwa der französische Bauer Paul François. Beim Öffnen eines Tanks atmete er das – inzwischen in der EU nicht mehr zugelassene – Monsanto-Herbizid Lasso ein: elf Tage Gedächtnisverlust, fünf Monate Spital, neun Monate arbeitsunfähig. Farida Akhter aus Bangladesch wirft Monsanto vor, in ihrem Staat Gentechauberginen zu verbreiten – ohne offizielle Zulassung und ohne Landwirte oder Konsumentinnen zu informieren. Der australische Bauer Steve Marsh verlor das Biolabel, weil sein Raps mit Gentechpollen kontaminiert war. In Kanada versuchte Monsanto, den Farmer Percy Schmeiser zu zwingen, Lizenzen zu zahlen für Gentechraps, der sich von selbst auf seinem Land ausgebreitet hatte. Und der US-Anwalt Timothy Litzenburg vertritt Hunderte von LymphdrüsenkrebspatientInnen, die ihre Erkrankung auf Glyphosat zurückführen.

Was sagt der Konzern zu all dem? Mit einem offenen Brief hat er die Teilnahme abgesagt, ohne auf Details einzugehen. Die OrganisatorInnen des «Pseudotribunals» (O-Ton Monsanto) meinen es allerdings ernst: Sie haben professionelle Anwältinnen und Richter eingeladen, die die Vorwürfe bis Dezember prüfen und sich dabei auf internationales Recht stützen. Bewusst findet das Tribunal in Den Haag statt, dem Sitz des Internationalen Strafgerichtshofs, der für sogenannte Völkerrechtsverbrechen wie Genozid und Kriegsverbrechen zuständig ist. Denn die AktivistInnen wollen ein neues Völkerrechtsverbrechen definieren: Ökozid, die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen.

Das Wort ist nicht neu. Arthur Galston, Botaniker an der Yale-Universität, verwendete es schon 1970, alarmiert vom Vietnamkrieg. Damit sich ihre GegnerInnen nicht verstecken konnten, besprühte die US-Armee vietnamesische Wälder mit dem hochgiftigen Entlaubungsmittel Agent Orange, hergestellt von Monsanto, Bayer und anderen Chemiefirmen.

Hartnäckige Geister

Die Juristin und Tribunalmitorganisatorin Valérie Cabanes sagt, Monsanto erfülle den Tatbestand des Ökozids mehrfach: nicht nur mit den Giften, die der Konzern vertreibe, sondern auch, «weil er den Genpool einengt und so die biologische Vielfalt gefährdet». Unter den ZeugInnen des Tribunals zeigen wohl Feliciano Ucan Poot und Angelica El Canche aus Mexiko am deutlichsten, wie vielschichtig Ökozid sein kann. Die beiden leben vom Biohonig, der auch nach Europa exportiert wird. Doch seit sich Gentechmais und -soja in Mexiko ausbreiten, kämpfen sie mit Verunreinigungen. Gleichzeitig fallen immer mehr Bienen Pestiziden und Monokulturen zum Opfer, das Gift landet im Wasser und macht die Menschen krank.

«Wie viel Evidenz brauchen wir eigentlich noch?» Hans Rudolf Herren ist hörbar genervt. Der Schweizer Insektenforscher, der mit Biovision den Biolandbau in Afrika fördert, gehört ebenfalls zu den MitorganisatorInnen des Tribunals: «Wir brauchen nichts, was Monsanto, Syngenta, Bayer verkaufen. Es hilft nicht, die Ernährung zu sichern.»

Herren ist Wissenschaftler wie viele andere, die nach Den Haag gekommen sind. Doch Monsanto – Stichwort #RootedinScience – versucht immer noch, seine KritikerInnen als unwissenschaftliche EsoterikerInnen hinzustellen. Das Tribunal sei «von einer Vielzahl von Biolobbys» organisiert, «die jede Innovation in der Landwirtschaft seit dem Pflug bekämpfen». Monsanto selbst wird von seinen alten «Innovationen» wie von hartnäckigen Geistern verfolgt: Es gelte, endlich aufzuräumen mit dem Mythos, der Konzern habe Agent Orange erfunden, heisst es auf der Website. Das Gift sei «eine Kombination von zwei im Handel erhältlichen Herbiziden, die vor dem Vietnamkrieg jahrzehntelang benutzt wurden.» Klingt das nicht enorm beruhigend?

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