Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

Fremd im eigenen Körper

Von Stefan Howald

Heimspiele sind eine trügerische Sache. Die Vertrautheit mag falsche Sicherheit vorgaukeln, manches überspielen, wenn doch im Bekannten das Unerkannte steckt. In Urs Jaeggis Erzählungen fühlt sich kaum jemand daheim, weder am Ort, an dem er oder sie lebt, noch im eigenen Körper.

Publizist, Soziologieprofessor, Schriftsteller, Maler: Der mittlerweile 85-jährige Urs Jaeggi hat in seinem Leben in Bern und Bochum, Berlin, New York und Mexiko vielfältige berufliche Identitäten angenommen. Im neusten Buch, einem Sammelband von fünf kurzen und einer langen Erzählung, ist die Identität generell eine fragile Sache. Alois, als Obdachloser am Rand der Gesellschaft, schaut von seiner Bank einem Streit zu, gerät unter Mordverdacht, und da er sich schon lange in eine eigene Sprache zurückgezogen hat, kann er den offiziellen Zumutungen nichts entgegenhalten. Ein Psychiatriepatient sucht die kaum artikulierbare Nähe zu einem Jugendlichen, der ebenso fasziniert wie überfordert ist. Ferdinand hält als Schwuler in einer männlich dominierten Finanzwelt den eigenen Erwartungen nicht stand, während Stefan in sich eine bisher verschüttete Stefanie entdeckt.

Sprache und Gestus passen sich dieser Suche nach dem Eigenen an. Die Perspektiven wechseln, elliptische Sätze bauen eine Spannung auf und bleiben zuweilen im Leeren hängen. Doch durch kaleidoskopische Beschreibungen und Reflexionen entstehen anschauliche Porträts und bewegte Lebensläufe.

Die längste Geschichte, «Mein Name ist Hans», steigert das Vexierbild zu Beginn noch: Wer erzählt und wo, gibt es ein Gegenüber, oder handelt es sich bloss um ein Selbstgespräch? Langsam schält sich doch der Lebenslauf von Hans heraus, der als «Halbjude» vor den Nazis aus Österreich fliehen musste und sich in den USA zum Musikologen heranbildet. Dem Untergang entkommen, gibt es lange kein Ankommen. Das altertümlich kultivierte Englisch ist eine Schale, um dem Leben Form zu geben. Aber bei aller innerlichen Distanz wird eine bürgerliche Existenz möglich, lange nur als äusserliche Rolle verstanden, dann vielleicht als mehr, wenn sich so etwas wie gelassene Zufriedenheit in Beruf und Beziehung einstellt.

So können Heimspiele durchs Unvertraute hindurch neue Identitäten aufbauen.

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