Nr. 44/2016 vom 03.11.2016

Wenn das Hirn deinen Kopf auffrisst

Werk ohne Grenzen: Die dreissigjährige britische Autorin Kate Tempest schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke und bringt nach ihrem ersten Roman jetzt ihr zweites Rapalbum heraus. Das finstere London, in dem sie alle spielen, ist gleichermassen Sehnsuchtsort und Verhängnis.

Von David Hunziker

Sogar die Drogen sind langweilig geworden, nur der Sex ist noch gut, wenn man welchen kriegt: Kate Tempest. Foto: Neil Gavin

Aus dem All sieht es fast so aus, als würde ein Lächeln über Mutter Erde huschen. Doch je näher man heranzoomt, desto deutlicher wird die Regung als Beben des Schreckens erkennbar. Rasend schnell nähern wir uns der Oberfläche und tauchen ein ins menschliche Gewühl. Wir landen direkt im Herz der Finsternis: in London. Die Stadt ist die Heimat der Autorin und Rapperin Kate Tempest, auch auf ihrem aktuellen Album «Let Them Eat Chaos» ist London der Schauplatz ihrer Geschichten, in denen alltägliche Dramen so gross werden wie antike Epen. Und ähnlich kriegerisch.

Der Westen sei festgefahren, ist Tempest überzeugt. Europa, Amerika, London: alle verloren, heisst es in «Europe Is Lost». Das Stück schrieb sie vor dem Brexit und vor Donald Trumps Griff nach der Macht, die uns bei solchen Zeilen unweigerlich durch den Kopf gehen. Doch Tempest versucht, in ihren Werken nicht politische Prozesse festzuhalten, sondern fragt, was mit den prekären urbanen Lebenswelten geschieht, wenn sie immer wieder gewaltsam umgegraben werden.

Hört man den Spoken-Word-Prolog zu «Europe Is Lost», versteht man, was hier abgeht: Die wütenden Zeilen gegen Konsum, Gentrifizierung und digitalen Narzissmus, die folgen, drehen sich im Kopf von Esther, einer Pflegerin, die eine Doppelschicht hinter sich hat, erschöpft in ihrer Küche steht und nicht zur Ruhe kommt. Es geht ihr gleich wie sechs anderen in ihrer Strasse, von denen das Konzeptalbum handelt. Es ist 4.18 Uhr morgens, alle liegen wach und machen sich Sorgen. Zoe etwa hat ihre Sachen gepackt; sie muss gehen, weil sich die Miete verdreifacht. Doch die BewohnerInnen dieser Londoner Strasse plagt längst nicht nur das Geld, das sie nicht haben: In dieser luziden Stunde werden sie von ihrer Einsamkeit fast erdrückt. Doch sie sind auch getrieben, an Schlaf ist nicht zu denken.

Hello again, Pete!

Oder sind die kulturkritischen Worte in Esthers Kopf doch Tempests eigene? Schliesslich hat sie ihr ihren eigenen zweiten Vornamen gegeben. Doch die Autorin geht so nahe an ihre Figuren heran, dass diese Grenze sowieso nicht klar zu ziehen ist. Die Aufgabe der Literatur, sagte sie einmal, sei für sie eine Übung in Empathie. Wie das geht, macht Tempest gleich selber vor. «Na, wer ist denn das?» Es ist ein liebevoller Moment, das Wiedersehen zwischen der Erzählerin und Pete, der einzigen Figur des Albums, die auch schon in ihrem im Frühling auf Deutsch erschienenen Roman «Worauf du dich verlassen kannst» vorkommt. Pete ist ein Tollpatsch, wirkt immer etwas verloren und ratlos, ohne Perspektive auf ein Leben in finanzieller und emotionaler Sicherheit. Aber Tempest mag ihn, das merkt man.

Dass eine Figur von einem ins andere Medium wandert, ist für Tempests Schaffen nicht ungewöhnlich: Der Roman handelt von denselben fünf Figuren, die schon ihr erstes Album bevölkerten. Das Personal ihres ersten Theaterstücks, «Wasted», kommt auch in zahlreichen Gedichten vor. Das Tempest-Universum kennt keine Werk- oder medialen Grenzen.

Am Ende des Romans hat sie Pete ganz schön im Stich gelassen. Seine Freundin hat gerade erfahren, dass er seinen Kumpel zu einer ihrer erotischen Massagen geschickt hatte, um zu testen, ob sie wirklich nicht mit ihren Kunden schläft, jetzt liefert sich Pete mit ebendiesem Kumpel an seiner eigenen Geburtstagsparty eine wüste Schlägerei, weil dieser es ihr einfach so erzählt hat – worauf Petes Freundin mit seiner Schwester durchbrennt, in die sie sich verliebt hat. Was macht man da? Pete macht weiter wie bisher.

Die Fortsetzung ist nun auf dem Album zu hören. Pete ist auf dem Heimweg, schwankt und führt Selbstgespräche. Das Stück «Whoops», das mit seinem hektischen Beat an den Working-Class-Rap von The Streets erinnert, erzählt, wo er war: wieder mal an einer Party, wo er von kokaingetriebenen Menschen zugelabert wurde und mehr Geld ausgegeben hat, als ihm die gestrige Schicht seines Scheissjobs eingebracht hatte. Pete bereut es, er fühlt sich, als würde «sein Gehirn seinen Kopf aufessen».

Routiniert im Exzess

Es ist ein ewiges Hin und Her zwischen zermürbenden Jobs und routiniertem Exzess. Im Roman sind es vor allem die intensiven Momente von Verliebtheit, die die Figuren kurz aus diesem unerbittlichen Mahlstrom der Grossstadt ausbrechen lassen. Sogar die Drogen sind langweilig geworden, heisst es nun auf «Let Them Eat Chaos», nur der Sex ist noch gut, wenn man denn welchen kriegt. Auf dem Album wird als Ausweg neben der Feier des Eros aber auch eine grössere, politischere Gemeinschaft angedeutet. Dies in einem Motiv, das Tempest in ihrem Künstlernamen verewigt hat: dem Sturm.

Genau in dem Moment, als die sieben Menschen isoliert verharren und «nicht sicher sind, ob sie überhaupt existieren», bricht über London ein heftiges Unwetter los. Aufgeschreckt öffnen alle ihre Wohnungstüren und rennen auf die Strasse. Sie sehen sich an, seltsame Klamotten tragend, lächelnd. Zusammen tanzen sie im Regen. In William Shakespeares Stück «The Tempest», von dem Kate Tempest wohl ihr Pseudonym abgeschaut hat, kommt ein ähnlicher Schockmoment vor: ein Sturm, der das soziale Gefüge aus Klassen, Geschlechtern und Herkunft durcheinanderwirbelt und für eine Weile durchlässig macht. Was Tempests Poetik spürbar machen will: dass wir so alleine gar nicht sind – weit über Hauswände hinaus.

Konzert: Zürich, Mascotte, Sonntag, 6. November 2016, 19.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch