Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Der Exorzist in eigener Sache

Der Weltgeist im betreuten Wohnen: Der deutsche Schriftsteller Thomas Melle erzählt von seiner manisch-depressiven Erkrankung. Ein Wahnsinnsbuch, das Gedanken zündet wie leuchtende Petarden.

Von Florian Keller

«Es ist entsetzlich», sagte sie, es sei ein Albtraum, dieses Buch zu lesen. «Und wenn das ernst gemeint ist, hat die Autorin eine ernsthafte Störung.» Die Sätze stammen von Elke Heidenreich, gerichtet waren sie gegen die Schweizer Schriftstellerin Michelle Steinbeck. Im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens wollte Heidenreich so einen Roman blossstellen, indem sie dessen Autorin pathologisierte: Unwerte Literatur, muss ein krankes Ich sein, so einfach ist das.

Wer diese Vorstellung in ihrer ganzen Verdrehtheit begreifen will, sollte Thomas Melle lesen, der hat wirklich eine ernsthafte Störung. Bei ihm ist sie aktenkundig, der technische Begriff dafür ist «bipolar». Von ihm sind schon die beiden Romane «Sickster» und «3000 Euro» erschienen, dazu einige Theaterstücke; jetzt, in «Die Welt im Rücken», breitet er seine Krankheitsgeschichte aus. Hier wird Literatur also nicht pathologisiert, sondern umgekehrt: Melle literarisiert seine Pathologie. «Die Fiktion muss pausieren», so sein Vorsatz. Mit einem Krankenbericht will er sich freischreiben, will er seine Geschichte zurückerobern, mit und gegen die Krankheit, die ihm und seinem Umfeld das Leben regelmässig zur Zumutung macht (und manchmal zum glühenden Paradies).

Mittendrin im Wahn

Und ja, es ist mitunter ein Albtraum, dieses Buch zu lesen, man muss höllisch aufpassen damit. Erstens beim Lesen, weil es einen zu verschlingen droht. Weil es Gedanken zündet, die leuchten und knallen wie Petarden, weil es in einer so obsessiven, fiebrigen Sprache geschrieben ist, ansteckend in der Manie wie in der Depression. Und zweitens beim Reden darüber, weil man ständig Gefahr läuft, im Loblied auf die ungeheure und ungeheuer genaue Sprachgewalt, die hier am Werk ist, implizit auch die Krankheit zu verklären, die nach solcher Sprache verlangt. Wir fahren hier mit auf der Geisterbahn eines schlingernden Geistes: mittendrin im Wahn, aber in sicherer Distanz. Es ist der Thrill eines Frontberichts, der von diesem Buch ausgeht – bloss dass dieser Krieg auf dem Schlachtfeld der Psyche wütet. Und immer wieder ist es auch ein hoffnungslos komisches Buch, diese «bittere Clowneske», wie es der Autor nennt. Da schaut er einmal aus dem Fenster und hat eine Offenbarung: «Der Himmel starrte mich wirklich an. Verdammte Scheisse: Gott. Mir wurde schlecht.»

Eins, zwei, drei. So überschaubar ist die Zahl der manisch-depressiven Schübe, die Thomas Melle durchgemacht hat, in langen Abständen, aber mit steigender Kadenz: 1999, 2006, 2010. Er ist noch ein Student von 24 Jahren, als ihn die Manie erstmals überfällt, ohne dass er versteht, was vor sich geht. Seine erste Psychose erlebt er als «unbegreiflichen, allumfassenden Kick», den ersten Aufenthalt in der Psychiatrie verbucht er noch – so redet er sich ein – als Recherche. Elf Jahre später knallt er halb verwahrlost und wie eine «stotternde Explosion» durch Zeit und Raum, ohne Halt, ohne Konto, ohne eigene Wohnung. Stattdessen: Schulden, Prozesse, betreutes Wohnen. Und auf alle Seiten hin: verbrannte Erde, abgebrochene Brücken.

Im Bett mit Madonna

Dazwischen hat der junge Autor in einem manischen Schub seine gesamte Bibliothek verkauft, weil ihm alle Bücher plötzlich wie Ballast erschienen waren: «Die Geistesgeschichte sollte nur in meinem Geist weiterbestehen.» Ein Akt der Hybris, den er bald betrauern sollte. Er sieht sich als «Opfer des Weltgeistes» und landet im Bett mit Madonna, aber der Sex mit ihr war offenbar «weder besonders wild noch besonders langweilig», er erinnert sich nicht mehr. Wie er überhaupt in seinen manischen Phasen überall Stars antrifft, darunter auch solche, von denen er eigentlich weiss, dass sie längst tot sind. Michel Foucault sieht er im «Prater» am Prenzlauer Berg am Tresen stehen, Hans Magnus Enzensberger sitzt einmal als Frau verkleidet neben ihm im Zug, und im Technoclub Berghain fängt er Streit an mit einem, den er für Picasso hält.

Und dann wieder: Zusammenbruch, bodenlose Trauer, Scham. Das alles könnte furchtbar penetrant sein, denn Selbstbespiegelung bleibt auch dann Selbstbespiegelung, wenn der Spiegel längst in Scherben liegt. Melle weiss das selber: «Selbstzerfleischung ist auch nur auf links gedrehte Eitelkeit. Und Paranoia eine besonders morbide Form des Narzissmus.» Wie er aber seine fortschreitende Katastrophe vorführt, samt medizinischen Exkursen und Rückblende in eine Kindheit im «Asozialenviertel», das ist von fast beängstigender Klarheit: illusionslos vor den Tücken der Krankheit, die ihn unmöglich macht, unbestechlich gegen sich selbst, gerade weil er nicht immer genau sagen kann, was noch zum «schwierigen» Charakter gehört und was schon zum Krankheitsbild. Dabei lautet die ganz lapidare Frage, die ihn beim Schreiben heimsucht: «Wie erzählt man von sich als einem Idioten?»

Darin trifft sich Melle mit einem gleichaltrigen deutschen Autor, der dieses Jahr schon sein «Panikherz» ausgeschüttet hat, und den Mageninhalt gleich mit: Benjamin von Stuckrad-Barre, gefallener Engel der deutschen Popliteratur, der auf fast 600 Seiten seinen Weg in die Zerrüttung rekapituliert, eine Spirale zwischen Essstörungen und Drogensucht. Schon eine verrückte Doppelung, wie hier zwei kranke Männer um sich selbst kreisen, um in der Literatur ihr psychisches Leiden zu exorzieren. Dabei stösst man auf Überschneidungen und Parallelen, die wie ausgedacht wirken: Während Melle im Wahn alle seine Bücher verscherbelt, macht Stuckrad-Barre eine Show daraus, in einem Zürcher Club seine Plattensammlung zu versteigern.

«Panikherz» ist das Buch eines rasenden Reporters in eigener Sache: selbstironisch bis zur Schmerzgrenze, aber auch verplaudert im permanenten Overdrive. Stuckrad-Barres Memoiren sind als Comeback angelegt, geschrieben aus einer fragilen, aber geglückten Auferstehung heraus. Das ist eine Gnade, auf die sich Thomas Melle nicht berufen kann, weil die Krankheit ein Teil von ihm bleiben wird; er kann sie höchstens medikamentös im Zaum halten. Vor allem aber – das macht sein Buch literarisch so aufregend – nistet sich seine Krankheit im Zeichensystem ein, infiziert also das Medium der Literatur selbst.

Der Psychotiker kann ja nicht mehr zwischen Wahn und Realität unterscheiden, das heisst, er schliesst die Welt mit den Zeichen kurz. Überall sieht er einen semiotischen Überschuss, alles ist Text: «Ich verstand alles und doch kein Wort.» Melle wittert einen «geheimen Pakt zwischen Worten und Dingen», seine erste Manie erlebt er als eine «totale Auflösung im Rausch der Zeichen». Aus ihren Verankerungen gerissen, prasseln die Signifikanten haltlos auf ihn ein: «Nichts heisst mehr, was es heisst, und alles heisst trotzdem immer auch ‹ich›.» Also bezieht er alles auf sich, hört überall verschlüsselte Botschaften heraus, exklusiv adressiert an ihn selbst: aus einem Roman von Juli Zeh, einem Song von Kante, sogar aus Trent Reznors Dankesrede bei den Oscars.

Die Mitte ist ein trauriger Ort

So sieht sich Melle in seinen Manien einer totalitären Sinnstiftungsmaschine ausgeliefert, die sich in seinem Kopf selbstständig gemacht hat. Oder wie es in einem dieser schwindelerregend präzisen Sätze heisst, in die er sein Leiden fasst: «Die fixen Ideen blieben beweglich.»

Am Ende tritt uns ein schwergewichtiger Autor entgegen, aufgeschwemmt von den Medikamenten, aber verängstigt vor jedem allzu starken Ausschlag seiner Empfindungen: «Wenn ich mich freute, hielt ich mich zurück und faltete die Freude schon im Moment ihres Entstehens kleinformatig zusammen.» Wieder funktionstüchtig, aber so eingemittet, dass es wehtut beim Lesen – als habe sich einer die Extremitäten abschlagen lassen, weil sie ihn zu zerreissen drohten.

An das alte Klischee, dass der Irrsinn ein Segen für die künstlerische Arbeit sei, glaubt Melle nicht, weil er es besser weiss. Die Medikamente, die seine bipolare Störung in Schranken halten, machen ihn träge und hindern die Wörter «am Ausflippen», aber er ist sich nicht mal sicher, ob er das betrauern soll. Dafür glaubt er an die Bannkraft des Erzählens, und die Literatur ist ihm ein Heilsversprechen: «Lieber zurück in die Fiktion, bald.»

Und wenn die Krankheit dereinst wieder zuschlägt, so hofft er, werden ihm die letzten Zeilen seines Buchs «wie ein Gebet» sein. Ein Gebet gegen den Gott, der ihm vor dem Fenster auflauert

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