Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Ein Fahnder nach dem dritten Weg

Der Schriftsteller Peter Weiss war zeitlebens ein Mann des Protests, am 8. November wäre er hundert Jahre alt geworden. Auch heute noch springt uns seine Sprache frontal an.

Von Ulrike Baureithel

Ich gehöre zu den letzten
die noch am Leben sind von jenen
die zur Verbrennung verurteilt wurden
Wenn wir vergehen vergeht auch
jede Erinnerung an sie.
Aus: Peter Weiss, «Inferno»

Wenn Peter Weiss im ersten Teil seiner nie vollendeten Trilogie «Inferno» dem Dichter Dante diesen Vers in den Mund legt, umreisst er damit auch sein eigenes Lebenstrauma. Seiner jüdischen Abstammung nach, die der Vater, ein Textilwarenhändler, lange vor ihm geheim gehalten hatte, war der am 8. November 1916 in der Nähe von Potsdam geborene Weiss eigentlich für das Feuer bestimmt und entging ihm dennoch. Dieses schon früh empfundene Aussenseiterdasein, verstärkt noch durch ein liebloses, seinen künstlerischen Neigungen gegenüber wenig aufgeschlossenes Elternhaus, wird sein Leben prägen und ihm einen Auftrag aufbürden. Er muss die Erinnerung wachhalten an jene, die, wie es im dritten Band seines Monumentalwerks «Die Ästhetik des Widerstands» heisst, «weggefegt» wurden und «über Nacht zu den Niedrigsten der Niedrigen geworden sind, jeglicher Ansprüche, jeglicher Würde beraubt».

Schon solche Zeilen, die einen 34 Jahre nach dem Tod des Autors so unmittelbar frontal anspringen, zeigen, dass der Mitbegründer des dokumentarischen Theaters uns mehr hinterlassen hat als eine Fussnote in der Literaturgeschichte. Wer die von Mikael Sylwan, dem adoptierten Sohn, mühsam rekonstruierten Bilder des Malers Weiss betrachtet, die vor einigen Jahren aus einem Lager in Stockholm gestohlen wurden, wird insbesondere in den frühen Gemälden wie «Die Maschinen greifen die Menschheit an» von der infernalischen Wucht eingefangen und von einer bedrängenden Verstörtheit, noch bevor die Barbarei Europa überrollte. Angstträume und Todesfantasien begleiten ihn, der mit den Eltern ständig umherzog, ehe er 1935 über die Tschechoslowakei schliesslich nach Schweden emigrierte. Er verzehrt sich nach einem Widerhall in der Welt, der jedoch lange auf sich warten lässt.

Für jede Regung einen Namen

Für Peter Weiss war es deshalb nicht so sehr der Verlust einer Heimat als der Verlust der Sprache, der ihn umtrieb. In seiner Dankesrede für den Lessingpreis 1965 erinnert er sich an das Gefühl, wieder zurückversetzt zu werden in den Zustand des Kindes, das «lernen muss, für jede seiner Regungen einen Namen zu finden» und sich an den «scharfen Kanten» der neuen Sprache zu stossen, während die alte in die Nacht zurückgedrängt wird und die Träume überschwemmt. Diese Rede vermittelt uns eine lebhafte Vorstellung von der Verzweiflung derer, die heute an fremden Küsten aufschlagen.

Das Gastland zeigte indessen wenig Verständnis für seine düsteren Bilder, und auch dem experimentellen Filmemacher begegnete es misstrauisch. Weiss zahlte es ihm heim als Journalist, geisselte die schwedische Filmzensur, die «Aufrüstungspropaganda» und den Kommerz. Auch als er sich von der Malerei abwandte und sich als – bis Anfang der fünfziger Jahre noch auf Schwedisch schreibender – Schriftsteller versuchte, fand er nicht die erhoffte Aufmerksamkeit. Als Flüchtling und «Mann des Protests», der er zeitlebens war, so erinnert sich seine Lebensgefährtin Gunilla Palmstierna-Weiss, sei es schwer für ihn gewesen, Eingang in die intellektuellen Kreise Stockholms zu finden.

Trotzki als Wegweiser

Vielleicht war er als Seismograf, als der er sich sah, seiner Zeit auch voraus. Dass ihn Deutschland und das mit ihm verbundene Schicksal wieder einholen würde, als sich mit dem Kurzroman «Der Schatten des Körpers des Kutschers» (1960) endlich eine Wende ankündigte, war weniger ein Zufall als die Vollstreckung eines Urteils. Spätestens seit Anfang der sechziger Jahre spürte Weiss den Drang, sich zu stellen, sowohl der Vergangenheit als auch den politischen Realitäten beider deutscher Staaten. Von seinem schwedischen Aussenposten aus sah er im einen die alten Nazis schon wieder auf ihren Plätzen, im anderen einen Sozialismus, an den er bei allem Zweifel zwar glauben wollte, dessen Hüter ihm aber zunehmend Knüppel zwischen die Beine warfen. Dem dritten Weg, nach dem Peter Weiss seit seinem Marat-Stück fahndete und mit dem ihm endgültig der Durchbruch gelang, verschloss sich die DDR beharrlich. Als der Dramatiker im Lenin-Jahr 1970 ausgerechnet Trotzki als möglichen Wegweiser auf die Bühne hob, erklärte sie ihn zur Unperson.

Selbst kein junger Mann mehr, sah sich Peter Weiss in die politischen Unruhen und Umbrüche der sechziger und siebziger Jahre verwickelt und war als «Teilchenbeschleuniger» selbst auch richtungsweisende Kraft. Sein radikal subjektiver Ausdruck – nicht nur in der Malerei, sondern vor allem in der Prosa – nötigte ihm dabei eine «Erdung» ab, die er im Material, im Dokumentarischen fand, was dann in seinem Lebenswerk kulminierte, der «Ästhetik des Widerstands».

Heute ist nur noch schwer zu vermitteln, was dieses Opus, dessen erster Teil 1975 (im Westen) erschien, in der von Grabenkämpfen zermürbten Linken einmal ausgelöst hat und in wie vielen Lesegrüppchen es als politisch-therapeutisches Verständigungsmedium aufgesogen wurde. «Wir brauchen dieses Buch», schrieb Wolfgang Fritz Haug damals in einem Begleitband, «weil es eine marxistische Vergangenheitsbewältigung unternimmt, (...) ohne das sozialistische Projekt preiszugeben», und gleichzeitig «unsere kulturelle Handlungsmöglichkeit fördert». Der Schriftsteller Ingo Schulze erinnert sich, wie er als Student in Jena die Bände mühsam von Hand abgeschrieben hat, weil die DDR-Kulturbürokratie ihre Verbreitung so lange torpedierte.

Durch den Leib und die Sinne

Das irrtümlich als Weiss’sche «Wunschbiografie» erledigte Monumentalwerk, monolithisch in seinem Auftritt und dialektisch in seiner Anlage, ist noch heute eine Herausforderung – umso mehr, als die Geschichte der Arbeiterbewegung, die darin auch ans Licht gehoben wird, inzwischen im historischen Nebel versunken ist. Weiss lässt seine Spielfiguren, insbesondere Coppi, Heilmann und den namenlosen Ich-Erzähler, politische und ästhetische Haltungen durchdeklinieren, ohne sie synthetisch aufzuheben. Vor dem Relief des Pergamonaltars starten sie ein Projekt der Selbstbefreiung mittels einer Aneignung von Kunst – von «Material», das «durch den Leib», und «die Sinne» gegangen ist. Deren Umdeutung ist der Schlüssel, um der kulturellen Hegemonie etwas entgegenzusetzen.

Überhaupt gehört die Fokussierung auf den Körper, den Schmerz, die Angst, kurz: die körperliche Durchdringung und Aneignung von Erfahrung zu den durchgängigen Momenten im Werk von Peter Weiss. «Ein Nichts. Namenlos», heisst es im Kutscher-Roman, in Vorwegnahme des nichtidentischen, zerfallenden Subjekts. Der am Körper vollzogene Selbstverlust scheint auch in den Bildern des Malers auf, und er wird noch im posthum erschienenen Roman «Die Situation» (2000) schmerzhaft in Szene gesetzt. Solche Anschlüsse an neuere Diskurse sind bislang in Weiss’ Werk noch kaum ausgelotet worden.

Was uns Weiss aber vor allem auf den Weg gegeben hat, ist ein unabgeschlossenes Erinnerungsprojekt, das fern von allem Heroischen jene im Blick behalten soll, die wie auf dem antiken Fries unter die Füsse der Giganten geraten. Wie gegen «Giganten» zu kämpfen ist, muss jede Epoche neu erproben.

Birgit Lahann: «Peter Weiss. Der heimatlose Weltbürger». Dietz-Verlag. Bonn 2016. 336 Seiten. 32 Franken.

«Das Argument 316. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften: Peter Weiss und die Aktualität der Ästhetik des Widerstands». Heft 2/2016. www.argument.de

Neue Biografie

Das lange Ringen nach dem Bruch

Peter Weiss gehört längst zum literarischen Kanon – und das, obwohl Werke wie sein Stück «Trotzki im Exil» (1969) oder der Roman «Die Ästhetik des Widerstands» von grossen Teilen der Kritik heute wohl als Diskursprosa abgekanzelt würden. Man weiss vom langen Ringen des Schriftstellers Weiss um eine Position zwischen Künstlerkritik und sozialistischer Politik, von seinen lang andauernden Auseinandersetzungen mit der Staatsbürokratie der DDR.

Sehr viel weniger bekannt sind die grossen Brüche, die sein Leben durchziehen. Der vielleicht dramatischste wird auch in der – sehr guten – Biografie des schwedischen Historikers Werner Schmidt nur gestreift. Peter Weiss, der als einer der wichtigsten politischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gelten kann, begann nämlich erst im Alter von 43 Jahren, erfolgreich zu publizieren. Davor hatte er in erster Linie gezeichnet; als junger Mann hatte er Hermann Hesse und dessen mystikgetränkte Prosa verehrt. Erst eine schwere persönliche Krise 1959/60 veränderte dann alles.

Über diesen tiefen Bruch und die dahinterstehenden Widersprüche würde man gern mehr erfahren. Denn die literarische Produktivität des Schriftstellers Weiss speist sich auch aus seiner inneren Zerrissenheit. Die Biografie von Schmidt jedoch, der in Stockholm als Professor Neuere Geschichte unterrichtete, setzt erst beim Bruch von 1959 an.

Schmidt hat sich, das stellt er zu Beginn des Buchs klar, für eine Art Werkbiografie entschieden, die Weiss’ Privatleben nur so weit berücksichtigt als unbedingt nötig. Diese Entscheidung verleiht dem Buch eine methodische Strenge, die die Lektüre am Anfang nicht ganz einfach macht. Doch im weiteren Verlauf gelingt es Schmidt ganz hervorragend, den Schriftsteller Weiss anhand von dessen Werken und Interventionen zu erfassen: über das Aufeinanderprallen von Künstleridentität und politischem Prozess im Stück «Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats» (1964) und die Auseinandersetzung mit Auschwitz und dem deutschen Antisemitismus im Zusammenhang mit «Die Ermittlung» (1965) bis hin zur Beteiligung als Intellektueller beim Vietnam War Crimes Tribunal und zur Entwicklung einer eigenständigen antistalinistischen, kommunistischen, aber nicht trotzkistischen Position in «Die Ästhetik des Widerstands».

Der von Schmidt eingeschlagene Weg mag beschwerlicher sein, als es eine klassische Personenbiografie wäre. Doch letztlich erweist er sich als richtig. Schmidt zeichnet Peter Weiss als Summe von dessen ästhetischen und politischen Entscheidungen und ermöglicht uns damit eine produktive Neulektüre von dessen Werk. Genau darum sollte es ja in erster Linie gehen: nicht um Einblicke in das vermeintliche Künstlergenie, sondern um die Einordnung von Weiss’ Werk in einen gesellschaftlichen Kontext. Eine Aufgabe, die Werner Schmidt mit Bravour bewältigt hat.

Raul Zelik

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