Nr. 46/2016 vom 17.11.2016

Hommage an den Widerstand

Von Susan Boos

Am besten liest man dieses Buch noch vor der Abstimmung über den «geordneten Atomausstieg». Der Titel ist Programm: «Vision für die Tonne». Der deutsche Journalist Bernward Janzing hatte schon ein Buch über die «Karriere der Sonnenenergie» verfasst und schreibt regelmässig für die «taz».

«Vision für die Tonne», so Janzing selbst, ist «eine Hommage an den Widerstand». Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kennt schon vieles. Interessant wird es jedoch, wenn Janzing ins Detail geht und anhand konkreter Geschichten deutlich macht, wie das Thema in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland, der Schweiz oder Österreich Heerscharen mobilisierte und politisierte.

Schon fast archetypisch die Geschichte des AKW Wyhl: 1973 wird der Bau im nördlich von Freiburg im Breisgau gelegenen Wyhl angekündigt. Es formiert sich Widerstand, 100 000 Unterschriften werden gesammelt. Mitte Januar 1975 können die BewohnerInnen der Gemeinde über den Bau abstimmen. 55 Prozent sagen Ja. Einen Monat später fahren an einem Montag die Bagger auf. Am Dienstag besetzen einige Hundert AktivistInnen den Bauplatz. Am Donnerstag früh rücken 600 BereitschaftspolizistInnen an, mit Hundestaffel, Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen. Das Gelände wird geräumt. Doch am Sonntag darauf nehmen fast 30 000 Menschen aus der ganzen Region das Baugelände erneut in Beschlag.

Das AKW Wyhl wird nie gebaut. Der Widerstand war so erfolgreich, weil es gelang, die gesamte Bevölkerung mit einzubeziehen. Das sieht man auch auf den Fotos im Buch: Männer in Anzügen und junge Männer mit langen Haaren, Landfrauen mit Schürzen und junge, rauchende Frauen protestieren Seite an Seite. Janzing dokumentiert detailliert die verschiedenen nuklearpolitischen Auseinandersetzungen, sein Buch hat aber auch etwas Nostalgisches. Die Anti-AKW-Bewegung ist längst professionalisiert, wird getragen von BerufsaktivistInnen und ist kaum noch Bewegung. Mit der Frage, was das aus der einst so bunten Bewegung gemacht hat, beschäftigt sich Janzing leider nicht.

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