Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Teilnahmslose Spektakelbeobachtung

Von Stephan Pörtner

Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu Randzeiten war für den selbsternannten Frührentner Pundreiner zur Lieblingsbeschäftigung geworden. Der Eintrittspreis war unschlagbar, das Spektakel unerreicht. Warum sich in aufgeglimmerten Weihnachtsspektakeln neppen lassen, wenn in Tram und Bus griesgrämige Senioren, überstellige Kinder und emotional ausgelaugte Kaufwillige aufeinandertrafen, aneinanderstiessen und aneinandergerieten? Wo sich das Mitmenschentum manifestierte und die Individualität verhöhnte. Wo ein von Zweifeln an der Richtigkeit des Daseins genährtes Unwohlsein greifbar wurde, aus dem kein noch so tiefes Beugen ins Smartphone einen Ausweg bot. Hier spielten sich vor Pundreiners Augen jene Dramen ab, die ihm erlaubten, das urbane Leben zu begreifen, ohne daran teilzunehmen.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein Krimi «Mordgarten» ist unter www.woz.ch/shop/buecher zu haben.

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