Nr. 49/2016 vom 08.12.2016

Das Einrad ist grösser als der Zeppelin

Kleine Hausapotheke gegen den Verdruss der Zeit: In seinem neuen Buch schreibt der Historiker Stefan Keller wahre «Bildlegenden» zu historischen Fotografien und Postkarten.

Von David Eugster

Siebenjährige Arbeiterin in Schwyz: Bilder zur Kinderarbeit in westlichen Ländern stammen sonst meistens aus den USA, und zwar aus einer Serie, die der Fotograf Lewis W. Hine vor mehr als hundert Jahren aufnahm. In der Schweiz wurde die industrielle Kinderarbeit mit dem Fabrik­gesetz von 1877 nach langem Kampf verboten. HeimarbeiterInnen waren diesem Gesetz allerdings nicht unterstellt, ­Verdingkinder auch nicht. Etwa 300 000 Kinder arbeiteten noch 1904. Text: Stefan Keller, Foto: Ad. Odermatt / Schweizerisches Sozialarchiv

Trotz des Wortspiels, mit dem das neue Buch des Historikers und WOZ-Redaktors Stefan Keller im Titel aufwartet: Es sind nicht etwa Heiligen- und Heldenlegenden, was Keller zu von ihm gefundenen Bildern und Postkarten schreibt. Die «66 wahren Geschichten» widmen sich nicht heroischen Herren, die bereits zur Genüge von der Sonne der Geschichtsschreibung beschienen wurden. Abgesehen vielleicht von jenem Bild, das Friedrich Engels zeigt, wie er nach dem Zürcher Arbeiterkongress von 1893 im Gasthof Löwen in Bendlikon ein Bier trinkt, oder einer äusserst knappen Erwähnung von Franz Kafka, der 1911 beim Götti von Kellers Vater, einem Naturheilarzt mit nudistischer Schlagseite, in Therapie war.

Am deutlichsten wird die bewusste Vernachlässigung der grossen Namen wohl in der Geschichte zu einer Postkarte, die einen jungen Mann auf einem Einrad zeigt. Auf diese Weise hatte Adolf Günter aus Arbon 1909 den Bodensee umrundet – hart konkurrenziert von zwei anderen historischen Events in der Region: Einerseits fand in Rorschach gleichzeitig ein mit Kanonenschüssen gefeierter Besuch des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. statt, andererseits führte auf der deutschen Seite des Sees ein Zeppelin spektakuläre Manöver vor. Keller aber zeigt die Postkarte des Arboner Kunstfahrers – was angesichts des damals nahenden Schicksals von Franz Joseph und des Zeppelins heute durchaus als vernünftig erscheint.

Geschichte als feines Gewebe

Oft genug hätten Kellers Bild-Text-Symbiosen das Potenzial zum Roman. Doch sie bleiben so knapp, wie sie bereits im Kulturmagazin «Saiten» und in der WOZ abgedruckt wurden. Hinter jeder dieser historischen Miniaturen steckt akribische Recherche. Die Fotografien und Postkarten stammen aus Brockenhäusern und Internetauktionen, aus den Fotoalben von Verwandten des Autors, nur hin und wieder auch aus geordneten Archiven. Im Buch gelingt es ihm, auch dieses frei schwebende Quellenmaterial historisch akkurat einzubinden in die Zeit, aus der es stammt. Nur einmal verweigert er sich der Suche, in einem Bild von zwei Männern in Ketten – aus Angst, herauszufinden, dass sie im Moment, als das Foto geschossen war, erschossen wurden. Keller kann es dann doch nicht lassen, in einem Nachtrag einen Hinweis darauf zu liefern, dass es wohl tatsächlich dazu gekommen ist.

Aber der Historiker erscheint in seinen Geschichten nicht als distanzierter Pedant. Keller mischt einen geschulten alltags- und sozialgeschichtlichen Blick mit seiner eigenen Familiengeschichte, Begebenheiten und Begegnungen aus seinem eigenen Leben. Da lebt einer nah mit der Geschichte zusammen. Trotzdem entsteht kaum je der Eindruck von blossen Zufallsfunden, die im Sammelrausch zusammengekauft worden wären: Keller zeigt sich durchaus als systematischer Wilderer. Die Sammlung der Bilder liefert zwar keine kontinuierliche Story, doch die Bildlegenden ergeben zusammen, chronologisch geordnet, ein feines Gewebe, das viele Zentren hat. Eines davon ist der Bodensee. Denn auch wenn sich das Buch etliche Ausreisser in die Peripherie gönnt, nach Zürich, auch nach Bern: Der einrädig umfahrene See bleibt ein wichtiger Mittelpunkt von Kellers Bildlegenden – als Fluchtweg für deutsche Deserteure, die in abenteuerlichen Stoff- und Blechbüchsenbooten dem Kriegsdienst auf der anderen Seite zu entkommen suchen, als Schauplatz gescheiterter Flugexperimente, vor allem aber als Grenzgewässer des Thurgaus, der Kellers erstes historisches Jagdrevier bildet.

Demo gegen Schneckentempo

Ein weiterer Schwerpunkt von Kellers Schlaglichtern liegt auf der Geschichte der politischen Bewegungen im 20. Jahrhundert. Die Bilder zeigen die Schweiz als nach Klassen getrennte Gesellschaft, in der die ArbeiterInnen in eigenen Turnvereinen und Jugendorganisationen eine stolze Parallelgesellschaft bildeten. Ein wunderbares Bild von 1928 zeigt Suffragetten, die mit einer riesigen Schnecke auf einem Wagen dagegen demonstrieren, dass es mit den Frauenrechten nur langsam vorangeht, ein anderes Saisonniers, die dafür kämpfen, dass sie mit ihren Familien zusammenleben können.

Das Buch erzählt keine Heldenlegenden von EinzelkämpferInnen, sondern von kollektiver Selbstorganisation und Widerstand, vom gemeinsamen Kampf um einen Platz an der Sonne. Manchmal ganz wörtlich: So schreibt Keller in einem Text die Kleinstgeschichte des Strandbads Arbon, einer Errungenschaft der dortigen Linken. Es eröffnete Anfang der dreissiger Jahre, nachdem man Wochenende für Wochenende in Fronarbeit den Platz für die Badetüchlein dem sumpfigen Gelände entrissen hatte. Gerade solche unaufgeregten, emblematischen Hinweise darauf, dass auch heutige Selbstverständlichkeiten politisch erkämpft und erarbeitet wurden, machen Kellers «Bildlegenden» zu einer unterhaltsamen politischen Hausapotheke in Zeiten des Verzagens.

Das Buch kann auch im WOZ-Shop erworben werden.

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