Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Am Ende drehen fast alle irgendwie durch

Die Songs der Band Ja, Panik sind wortgewandt und politisch. Die beste Voraussetzung, um zum Jubiläum ein Buch zu schreiben. Gelingt der Versuch?

Von Rahel Locher

Eigentlich gibt es in meiner Vorstellung nichts Langweiligeres als einen Briefroman – oder eben dessen moderne Version: den E-Mail-Roman. Als ebensolchen kündigte Andreas Spechtl, Gitarrist, Sänger und Songwriter der Band Ja, Panik, das kürzlich erschienene Buch «Futur II» an. Auch die zweite Beschreibung des Buchs – es handle davon, was passiere, wenn vier Menschen gemeinsam ein Buch schrieben – machte mich nicht neugieriger. Beim Lesen entpuppt sich «Futur II» jedoch nicht als Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten mit gegen null tendierendem Unterhaltungswert, sondern als witzig und tiefsinnig, informativ und abgedreht.

Einen Erfolg landete die Gruppe mit dem 2011 erschienenen Album «DMD KIU LIDT», in dessen Titelsong sie die Auswirkungen des Kapitalismus auf die menschliche Psyche untersucht. Linke Gesellschaftskritik, auf die eigenen Lebensverhältnisse übertragen, entwickelt sich im viertelstündigen Stück zu einem starken musikalischen Sog. Ihr bis anhin letztes Album, «Libertatia» (2014), ist von Dreampop, Funk und Wave geprägt und lädt eher zum Tanzen als zum Versinken in Schwermut. Tanzen ist eben, wie schon Karl Marx wusste, durchaus eine revolutionäre Angelegenheit – und wird genau so besungen in «Dance the ECB».

Im Buch «Futur II» zeichnen die Mitglieder – neben Spechtl Bassist Stefan Pabst, Schlagzeuger Sebastian Janata und Keyboarderin Laura Landergott – zum zehnjährigen Jubiläum der Band ihre Geschichte nach. Sie schreiben über ihre Touren und Platten, über die materielle Existenz als KünstlerIn und über Ästhetik in der Politik. Dabei treten die Bandmitglieder mehr und mehr als Figuren hervor, um sich gegen Ende der Kollektivbiografie zunehmend zu verflüchtigen. Bis auf Laura, die nach dem mysteriösen Verschwinden von Andreas am letzten Tag des einmonatigen Experiments schreibt: «Falls ich das richtig sehe, bin nur noch ich Ja, Panik und sonst niemand mehr.»

Da ist sie schon am unbekannten Ort, dem «hintersten Winkel Europas», wo sich Andreas aufhält und in kondensierter Form täglich das erhält, was Stefan in Berlin und Sebastian in Wien aus dem Archiv ausgraben: viele E-Mails, einige Fotos und Kurzvideos. Und was Laura selbst in Interviews mit ehemaligen Bandmitgliedern und anderen FreundInnen der Band herausfindet. Andreas gibt jeweils eine Reflexion des Gelesenen in die Runde. Oder auch was ihm sonst gerade einfällt.

Gelungenes Scheitern

Bei der Lancierung von «Futur II» im St. Galler «Palace», wo die Band auf jeder ihrer Tourneen spielte, lasen die vier Bandmitglieder aus dem Buch und zeigten Fotos und Videos. Zunächst hatten sie eine grossformatige, farbige Chronik zu ihrem zehnten Geburtstag geplant. Aus der Zusammenarbeit mit dem kleinen Verbrecher-Verlag ergab sich dann ein Taschenbuch mit Schwarzweissfotos. Die Räumlichkeiten des Verlags sind ebenso wie das Studio der Band im Berliner Mehringhof angesiedelt, einem in den achtziger Jahren entstandenen alternativen Kulturzentrum. Der Mehringhof sei wieder zu einem Ort geworden, an dem sich die Bandmitglieder träfen, erzählen Pabst und Spechtl im Gespräch vor der Lesung. Seit zwei Jahren wohnen alle in eigenen Wohnungen und müssen sich für ihre Projekte verabreden. «Davor gab es eigentlich immer ein Hauptquartier, eine Ja-Panik-WG, in der vieles spontan entstehen konnte», erinnern sich die beiden.

Rückblickend, so Spechtl, seien sie gescheitert am Versuch, eine Bandchronik zu schreiben. Zumindest drehen am Ende des Buchs alle ausser Laura irgendwie durch. Bei Stefan ist das noch am wenigsten erstaunlich, verbringt er doch den ganzen Recherchemonat in einem fensterlosen Keller, wo er zwischen Übermut und Aufgeben schwankt und sich – wie in einem Gefängnis – mit Sit-ups und Kniebeugen fit hält. Sebastian träumt von einer Verfolgungsjagd in Prag durch einen Kommissar, den er als Stefan identifiziert. Er nimmt Drogen, hat einen Filmriss, geht im Neusiedlersee schwimmen und merkt danach, dass seine Kleider von in diesem See lebenden «Grammelpogatscherln» aufgefressen wurden.

Hier am Neusiedlersee, genauer in der Kleinstadt Neusiedl am See im äussersten Osten Österreichs, spielten Spechtl und Pabst gemeinsam in der Rockband Flashbax in örtlichen Discos und – sehr wichtig für die Region – in Weinkellern. Das ist die Vorgeschichte. «Futur II» setzt bei der Gründung von Ja, Panik im November 2005 ein, zieht sich mehr oder weniger unchronologisch durchs letzte Jahrzehnt und endet in fragmentarischen, von Andreas auf Zetteln notierten Sätzen, in denen seine Zerrissenheit deutlich wird.

Nahe am Lebensgefühl

Chronologisch angeordnet sind hingegen die Erinnerungen an die jeweilige Entstehung der Platten. Die Nummer zwei, «The Taste and the Money», nahm die Gruppe in der Wiener Ja-Panik-WG auf, über den Line-in-Kanal eines Laptops. Als vierte entstand dann «DMD KIU LIDT», die, wie der ehemalige Gitarrist Thomas Schleicher Laura erzählt, die «ehrlichste, schonungsloseste Platte ever» werden sollte. Deren Schwermütigkeit war ein Mitgrund für Schleichers Ausstieg aus der Band. Während der Entstehung des fünften und bisher letzten Albums, «Libertatia», stand das Label Staats-Akt, das die letzten drei Platten produziert hat, in Verhandlung mit einem Herrn von der Firma Deluxe Island Estate. In den E-Mails geht es um den Kauf einer Insel, der Andreas an eine Art Monte Verità denken lässt, den Tessiner Hügel, auf dem Anfang des 20. Jahrhunderts alle «dadaistenanarchisten» hockten. Eben: eine Gemeinschaft, inspiriert von der Piratenrepublik Libertatia, die im 17. Jahrhundert in Madagaskar existiert haben soll. Später dann formuliert Andreas Zweifel an der Inselidee.

Die Skepsis von Andreas an den Projekten von Ja, Panik tritt im Buch wiederholt zutage. Auch dem Buch selbst gegenüber. Da braucht es schon mal ein E-Mail des Verlags: «Das wird ein schönes Buch, glaub mir. Es ist sehr strukturiert, dabei erweckt es den Eindruck von Chaotischem, was super ist, zudem ist es sehr lustig und klug.» Im Buch entsteht eine Nähe zu den Bandmitgliedern, wie es in den Songs mit ihren vieldeutigen Texten nie auf diese Art geschieht. Ein Lebensgefühl, aus dem die Alben der Band entstehen, von Andreas treffend zusammengefasst: «Manchmal denke ich mir, so ein bisschen Verzweiflung, Existenzangst und Wut auf die Welt tun meiner Arbeit gar nicht schlecht. Zumindest besser als die saturierte Selbstzufriedenheit, die die meisten Werke der ganzen Rich-Kids-Hobos da draussen so schamlos durchzieht.» Trotzdem kann Andreas – wie auch Stefan – wunderbar rotzfrech und hochgestochen die Anwürfe unangenehmer Konzertveranstalter und JournalistInnen parieren. Oder nach der Preisverleihung dem Österreichischen Musikfonds dafür danken, «unseren sensiblen Gemütern zu ersparen, den formvollendeten Namen Ja, Panik in einer Reihe mit ‹MusikerInnen› lesen zu müssen, deren Namen zu tippen wir unseren Fingerkuppen nicht zumuten möchten».

Was die Gruppe mit dem formvollendeten Namen nach dem Buch machen wird? Nach einigem Zögern gibt Spechtl doch noch einen Tipp: «Als Nächstes machen wir wohl ein Ölbild.»

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