Nr. 50/2016 vom 15.12.2016

Grüne Insel in düsteren Grautönen

Einsame Menschen in einer hartherzigen Gesellschaft: Zwei neue Bücher aus Irland zeichnen in poetischen Monologen ein trostloses Bild vom Leben im Inselstaat.

Von Eva Pfister

Sie verwandelt eine todtraurige Geschichte durch die Kraft der Sprache: Die junge irische Autorin Sara Baume 2015 in Edinburg. Foto: Roberto Ricciuti, Getty

Pokey Burke ist abgehauen. Der Baulöwe hat Bankrott gemacht und ist einfach davongelaufen – auch vor den Arbeitern, die vor seiner Tür stehen und nach ihrem Lohn fragen. Und nach der Altersvorsorge und dem Arbeitslosengeld, denn sie müssen feststellen, dass Burke keine Sozialabgaben für sie bezahlt hat.

Wie es in Pokey Burke aussieht, verrät uns Donal Ryan nicht. Dafür lässt der Schriftsteller in «Die Gesichter der Wahrheit» die anderen zu Wort kommen: die beschäftigungslos gewordenen Arbeiter, ihre Frauen, Eltern, Kinder. Die meisten in diesem irischen Städtchen wissen nicht, wie es weitergehen soll nach dem Platzen der Finanzblase, die dem Bauboom ein abruptes Ende setzte. Einige Frauen haben noch Arbeit, aber oft zu schlechteren Bedingungen als früher. «Du kannst doch froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Damit knüppeln sie jetzt alle», bringt es Hillary auf den Punkt, die als Anwaltsgehilfin neuerdings auch die entlassene Putzfrau ersetzen muss. Die Stimmen dieser 21 Menschen fügen sich in Ryans Buch zum Bild einer in der Krise zersplitterten Gemeinschaft, die einander in der Not kaum beisteht, sondern oft darauf lauert, wer sich einen Vorteil verschafft oder einen Fehltritt begeht.

Gewalt, Misstrauen und Geldgier

Der Autor Donal Ryan arbeitet in Limerick bei der staatlichen Behörde für Arbeitnehmerrechte und ist weit davon entfernt, die Mentalität der IrInnen schönzuschreiben. Er frönt also nicht dem Klischee, das noch immer in der Literatur herumgeistert, nach dem die IrInnen arm, aber warmherzig und fröhlich sind. Eher zeigt er die unheilvollen Traditionen auf, die viele Lebensläufe in dieser kleinen Stadt prägen: Gewalt, Ehrgeiz, Misstrauen und Geldgier. Nur wenige, wie etwa der Vorarbeiter Bobby Mahon, durchbrechen mit unerschütterlicher Menschenfreundlichkeit diesen Teufelskreis.

Ryan hat ein durch und durch politisches Buch geschrieben. Aber jeder seiner Charaktere ist prall und rund, heischt um unser Verständnis und bekommt es auch – sogar der Mörder und der Kindesentführer –, denn die Monologe sind so eindringlich, dass die Personen vor unserem inneren Auge lebendig werden. Alle sind miteinander verbunden, sodass eine Geschichte entsteht, die man auch als konventionellen Kriminalroman aufschreiben könnte. Der hätte aber nicht die besondere Dramatik dieses ungewöhnlichen Romans, der unter anderem mit dem Irish Book Award ausgezeichnet wurde.

Mehrere Preise erhielt auch die 32-jährige irische Debütantin Sara Baume für den Roman «Die kleinsten, stillsten Dinge». Ray, ein einsamer Mann Mitte fünfzig, schafft sich einen Terrier an, der auf die Jagd in Erdlöchern abgerichtet war und beim Kampf in einem Dachsbau ein Auge verloren hat. «Einauge» nennt Ray den neuen Freund, ein verstörtes Wesen wie er selbst, dem er Gutes tun und zu dem er sprechen kann. Der Roman besteht aus einer langen Rede Rays an den Hund. Wie ein Frischverliebter weist er ihn auf alles hin, was er sieht, hört und denkt und worüber er sich über fünfzig Jahre lang mit niemandem austauschen konnte.

Zuerst zeigt Ray seinem Hund das Haus, das verkommen und dreckig ist, aber Ray (und die Autorin) betrachten Schmutz mit demselben ästhetischen Blick wie eine Blumenwiese. «Sieh dir den schwarzen Schimmel an der Stirnwand an, der zum Negativ einer Sternenkarte erblüht ist: Die weisse Wand ist der Nachthimmel, und die Sterne sind schwarz, feucht und pelzig.»

Reise zu den traurigen Orten

Es ist der intensive Blick auf die kleinsten Details, der die Lektüre dieses Erstlings so spannend macht. Die Geschichte selbst ist todtraurig. Ray ist der ungeliebte, zurückgebliebene Sohn eines Witwers. An seine Mutter kann er sich nicht erinnern, und manchmal stellt er sich vor, dass er nicht von ihr auf die Welt gebracht wurde, sondern durch den Kamin gefallen ist. Auch das Glück mit Einauge währt nicht lange. Bald greift der verstörte Hund am Strand Artgenossen an, und man droht Ray, ihm das Tier wegzunehmen. Daher packt der Mann einen Gaskocher, Decken und Lebensmittel in sein Auto und flieht mit seinem Gefährten. Er fährt durch trostlose Dörfer im Landesinneren und campiert an Zufahrten zu entlegenen Höfen. Es ist eine «Reise zu den traurigen Orten» – mit diesem Titel war der Roman vom Verlag ursprünglich angekündigt. Aber wenn Ray nachts mit Einauge durch die Natur streift, Eulen auffliegen sieht und den Sternenhimmel betrachtet, dann sind diese traurigen Orte wie verwandelt. Die junge irische Autorin bringt das Kunstwerk fertig, mit ihrer Sprache die Welt zu verzaubern, ohne sie im Geringsten zu beschönigen.

Obwohl sich Sara Baume auf die Geschichte von Ray und seinem Hund konzentriert, entsteht doch auch in diesem Monolog eines beklemmend einsamen Menschen das Bild einer Gesellschaft. Es ähnelt demjenigen von Donal Ryans Roman auf erschreckende Weise. Es ist eine hartherzige Gemeinschaft, die sich um Aussenseiter nicht kümmert und in der manche Familie über Generationen den Hass nährt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch