Nr. 02/2017 vom 12.01.2017

Die letzte Seite

Von Stephan Müller

Als Printzeitungsfan, der im Café immer alle Zeitungen liest, griff ich auch gern zum neuen Buch «Der letzte Zeitungsleser» von Michael Angele. Der Titel lässt keine Zweifel offen, das Buch ist ein Abgesang auf das Printzeitungslesen, inklusive einer gewissen Wehmut für die guten alten Zeiten, als man noch einige Meilen zu Fuss ging, um eine Zeitung zu kaufen.

Das Büchlein ist gut und flüssig geschrieben. Doch am Schluss stellt sich die Frage: Warum dieser Essay? Besteht er doch hauptsächlich aus persönlichen Erinnerungen sowie der Nacherzählung von ein paar Interviews mit sogenannt wichtigen Personen, die der Autor vor allem nach dem Zeitungsleseverhalten von Thomas Bernhard befragte.

Falls man selbst bei der täglichen Zeitungslektüre weder Heldenmut noch Nostalgie verspürt, kommt einem Angeles wehmütige Heroisierung des Printzeitungslesens allerdings etwas absurd vor. Hat doch die gedruckte Zeitung eindeutige Vorteile gegenüber den meisten Netzversionen von Zeitungen, wo man sich leicht verliert ohne die klare Abfolge von vorgeschlagenen Artikeln, die zu einem konkreten Ende führt: der letzten Seite. Und für diese letzte Seite ist man zwangsläufig auf die Printzeitung – oder die von ihr abhängige PDF-Version – angewiesen.

Die Rede vom «letzten Zeitungsleser» erscheint deshalb verfrüht. Eine Charakterisierung von Menschen, die eine WOZ, eine FAZ, eine NZZ oder eine «Weltwoche» unter dem Arm tragen, existiert immer noch. Auch wenn sie neben der anonymen Masse, die auf die Bildschirme starrt, weniger geworden sind. Im Einband des Buchs wird zweifach betont, dass Michael Angele Chefredaktor der ersten deutschen Internetzeitung gewesen sei, deshalb sei er alles andere als neuerungsfeindlich. Das tönt so, als ob er sich entschuldigen müsste, überhaupt ein Buch über das Zeitunglesen geschrieben zu haben. Die Gegenbewegung zur trendigen, aber oft oberflächlichen und sprunghaften Internetlektüre, bei der man nie auf die letzte Seite gelangt, wird darum kaum von diesem Essay lanciert. Auch wenn er in gedruckter Form erscheint.

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