Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Romantik und Rebellion

Von Rahel Locher

«Ahlam oder Der Traum von Freiheit» liest sich zunächst wie ein Märchen. Der junge französische Maler Paul möchte auf der idyllischen tunesischen Insel Kerkennah über eine verflossene Liebschaft hinwegkommen. Er trifft den Fischer Farhat und führt dessen Kinder in die Kunst ein – den Sohn Issam in die Malerei, die Tochter Ahlam ins Klavierspiel. In Pauls Haus am Meer inspirieren sich die beiden Geschwister gegenseitig. Als Ahlam älter wird, entsteht eine leidenschaftliche Liebe zwischen ihr und Paul. Gegen Ende des Buchs fährt Paul wie bei der ersten Begegnung mit Farhat aufs Wasser und hält bei einer im Meer gekühlten Flasche Roséwein um die Hand seiner Tochter an.

Diese Liebesgeschichte macht aber nur einen Teil des Romans aus. Issam radikalisiert sich zunehmend und entfernt sich sowohl von seiner Familie als auch von der Malerei, die in rigiden Auslegungen des Islam als Teufelszeug gebrandmarkt wird. Schliesslich schreckt er nicht einmal vor Gewalt gegen die eigene Familie zurück.

Issams Werdegang spiegelt auch die Geschichte Tunesiens im Kontext des Arabischen Frühlings wider: Nachdem sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi aus Verzweiflung selbst angezündet hatte, entflammte eine Rebellion, die im Januar 2011 den langjährigen Diktator Ben Ali in die Flucht trieb. In der Umbruchzeit gewannen islamistische Gruppen an Einfluss. Auch Ahlams Entwicklung ist von diesen Ereignissen geprägt. Allerdings setzt sie sich an vorderster Front für Frauenrechte ein und steht so den religiösen Bestrebungen ihres Bruders diametral entgegen.

Der Autor Marc Trévidic hat als Antiterrorrichter in Frankreich islamistische Attentäter vernommen. Es sind wohl Eindrücke aus dieser Tätigkeit, die er in seinem Erstling mit einem zünftigen Schuss Pathos verarbeitet – er neigt nicht nur in Liebesdingen zu Klischees. Seine detailreiche Sprache bei gleichzeitigem Drive der Handlung lässt aber darüber hinwegsehen.

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