Nr. 08/2017 vom 23.02.2017

Wenn die Klasse «krank» ist

Von Karin Hoffsten

Wer «Mobbing in der Schule» googelt, erhält jede Menge Treffer, denn systematisches Ausgrenzen oder gar Quälen unter Jugendlichen ist nicht neu. Und Cybermobbing, die asoziale Nutzung der sogenannt sozialen Medien, macht die Situation auch für erwachsene Bezugspersonen nicht einfacher.

Nicht nur Eltern und Lehrpersonen, sondern alle, die mit Jugendlichen zu tun haben und diffus spüren, wenn im sozialen Umgang etwas schiefläuft, stehen vor einer enormen Herausforderung, denn das Problem berührt auch die Erwachsenen emotional. Eigene frühe Erfahrungen oder der (verständliche) Wunsch, das «Opfer» zu retten und die «Täter» zu bestrafen, können alle Bemühungen um eine Problemlösung torpedieren.

Im Ratgeber «Mobbing … die etwas andere Gewalt» beschreiben zwei deutsche Autorinnen die Methode «No Blame Approach» oder – sperrig, aber deutsch – den «Unterstützergruppen-Ansatz», der Mobbing als systemisches Problem der gesamten Gruppe begreift. Auch in der Schweiz ist die Methode seit einigen Jahren bekannt und wird empfohlen, zum Beispiel im «Beobachter»: «Dieser sogenannte No-Blame-Ansatz hat eigentlich immer Erfolg, weil er Mobbern den Ausstieg ermöglicht, ohne dass sie ihr Gesicht verlieren.»

Das ist zwar richtig, doch in einer konkreten Konfliktsituation mögen sich viele Erwachsene denken: Gut gebrüllt, Löwe! Denn auch in Gesprächen mit den sogenannten TäterInnen «respektvoll und zugewandt» zu bleiben, ist durchaus eine Kunst, die gelernt sein will.

Das vorliegende Buch hilft, hohe Ansprüche mit Inhalt zu füllen, und bietet eine differenzierte, einfühlsame Anleitung zum Vorgehen für alle Beteiligten. «Es geht hier auch um die ewige Debatte um das Thema Strafe, ihre Ziele und Folgen», schreiben die Autorinnen. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Strafe nicht zur Einsicht führt, sondern Rachegefühle schürt und die Person innerlich verhärtet» – man spürt, dass sie wissen, wovon sie schreiben.

Einzig die Tatsache, dass im ganzen Buch nur das mitmeinende Maskulinum verwendet wird, ist – trotz Hinweis im Vorwort – für Leserinnen etwas gewöhnungsbedürftig.

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