Nr. 13/2017 vom 30.03.2017

Schreiben gegen den häuslichen Terror

Von Ulrike Baureithel

Lächeln oder kämpfen? Zerfleischen oder zerfleischt werden? Keine echten Alternativen, aber andere Optionen haben Frauen im Iran nicht. Das Leben dort fühlt sich für sie wie ein «aufgezwungenes Exil» an, so schreibt die 1981 geborene Mojgan Ataollahi in ihrem autobiografisch grundierten ersten Roman «Ein leichter Tod». An die Revolution von 1979 erinnert sich diese Generation nicht mehr, doch immer lebte sie im Schatten des Kriegs und der erzwungenen Isolation, unter der Aufsicht der islamischen Sittenwächterinnen – und mit der Drohung männlicher Übergriffe.

Dabei ist Ataollahi in einem gemässigten Elternhaus aufgewachsen, der Vater fördert die künstlerischen Versuche seiner Tochter, und er duldet auch die Heirat mit Madjad, für den sie sich entschiedenen hat – ein schlimmer Fehler, denn der Ehemann ist gewalttätig und unterdrückt die Bildungslust seiner Frau, indem er alle Bücher verbrennt. Nach fünf Jahren Ehe und sechs in ihrem Elternhaus, wo sie versucht, die Scheidung gerichtlich durchzusetzen, will sie ihrem Leben ein Ende setzen und kauft beim Reishändler eine tödliche Tablette.

Vorerst aber schreibt sie nur. Von ihrer Kindheit im Luftschutzbunker, der Gewalt des Ehemanns, den sie lange nicht verlässt, weil sie ihre Tochter schützen will. Und von den Demütigungen und Erniedrigungen, die sie vor Gericht erfährt. Kunstvoll verschränkt die zunächst als Lyrikerin bekannt gewordene Ataollahi in ihrem Roman Erlebnisbericht, Assoziation und märchenhafte Fantasie. Immer wieder beschreibt sie auch die weiblichen Listen gegen die Ohnmacht, mit denen Rituale unterlaufen oder in ihr Gegenteil verkehrt werden. Und wenn sie die Erinnerung nicht mehr aushält, greift die Autorin auf Distanzierungsgesten zurück. Statt des Ichs dominieren dann das Du und Formen der Mittelbarkeit, die das Tatsächliche, den häuslichen Terror, erträglich machen. Doch aufgezeichnet muss das Erlebte werden, denn «die schlimmste Art zu sterben könnte sein, zu sterben, bevor alles aufgeschrieben» ist.

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